Fahrradtour von Karlsbad nach Konstanz.

 

Vorbereitungsphase:

Um aktiv das Nichtstun in einer „Zwangs-Urlaubswoche“ zu unterbinden, sind motivierende Ideen gefragt. Wenn durch die Wettervorhersage auch noch „die letzten sonnigen Herbsttage“ prophezeit werden, bedarf es keiner weiteren Impulse, einen Hobbyradler zu seiner Lieblingsbeschäftigung zu überreden.

So plante ich sehr spontan eine 2-tägige Fahrradtour von Karlsbad nach Konstanz am Bodensee ab Mittwoch, den 30.10.2013 ein. Nach ein wenig Recherche sah dieser Plan vor, einen vom ADFC (Allgemeiner deutscher Fahrradclub, Pendant zum ADAC) zertifizierten ausgeschilderten Fahrradweg zu benutzen, der den unbequemen Namen ‚Heidelberg-Schwarzwald-Bodensee-Radweg (H-S-B-R)‘ führt. Dieser Fahrradweg führt an der Stadt Pforzheim vorbei, was gleichzeitig mein Einstieg in die Fahrradtour auf dem H-S-B-R sein sollte. Die Route hatte ich vorher am Computer penibel zusammengestellt und anschließend auf mein Navigationsgerät geladen. Da somit bereits am Samstag vor der Urlaubswoche die Streckenführung gesichert war, konnte ich außerhalb von Rottweil direkt an der Strecke ein Pensionsbett für die Nacht buchen.

 

Am Abend vor der Abreise packte ich meine beiden Gepäcktaschen, die Satteltasche und einen kleinen Rucksack. Als Wegverpflegung mixte ich mir insgesamt knapp 5 Liter Energiegetränk, davon kamen 2 Liter in die Trinkflaschen am Rahmen. Die Getränke sollten nach meiner Planung für beide Tage reichen. Um zwischendurch gegen einen plötzlichen Hungerast oder Energieverlust ankämpfen zu können, packte ich mir zusätzlich Energiegels mit ein. Damit fühlte ich mich für den „schlimmsten Feind des Radlers“ gewappnet.

 

Mein Gefährt unterwarf ich einer kleinen Durchsicht: Sind die wichtigsten Schrauben fest, ist genügend Luft drin, ist der Antriebsriemen ausreichend gespannt, sind die Bremsbeläge und Reifen noch benutzbar. Am Fahrrad war wie zu erwarten alles zufriedenstellend. Es war ja noch nicht so alt und sollte eine 2-Tagestour klaglos überstehen. An Ersatzteilen hatte ich Speichen und Bremsbeläge, aber keinen Schlauch oder Flickzeug dabei. Diesbezüglich bin ich voll auf Risiko gefahren. Trotz Bemühungen einen Schlauch oder Flickzeug zu besorgen, war es mir vor der Tour und währenddessen nicht gegönnt, auf ein geöffnetes Fahrradgeschäft zu stoßen und habe es dann dabei belassen. Ob ich das später bereuen werde?

 

 

Der Tag der Abreise:

Am Mittwoch Morgen, 7:00 bei 7°C ging es dann los. Die ersten Wege führten mich durch den Schwarzwald Richtung Nord-Ost nach Pforzheim. So kamen dementsprechend in den ersten 10 km auch gleich 500 Höhenmeter zusammen. In Sonnenberg – südlich von Pforzheim – sollte dann der Einstieg in den H-S-B-R stattfinden. Allerdings wusste dies eine bescheidene Radwegführung und jede Menge Berufsverkehr zu verhindern. So fuhr ich ein wenig im Zick-Zack-Muster durch Sonnenberg und den angrenzenden Wald, bis meine Reifen einige Kilometer später endlich auf dem H-S-B-R rollten.

Kurze Zeit später fuhr ich das Nagoldtal südwärts entlang des gleichnamigen Flusses. Es herrschte starker Nebel und die Temperatur sank auf 3°C. Perfektes Wetter für optimale Sauerstoffversorgung. So fuhr es sich flott und auf perfekten Wegen in Richtung ‚Calw‘, einer Stadt mit netter Fußgängerzone zum Shoppen. Als deeskalierender Radler bin ich dort abgestiegen und habe die Shopping-Meile zu Fuß durchquert. Wieder auf dem Sattel sitzend, waren die Wege zum großen Teil perfekt zum Fahrrad fahren und ich konnte über meiner geschätzten Durchschnittsgeschwindigkeit bleiben. Die Stadt Bad Liebenzell hat eine schöne Therme zu bieten, allerdings muss dafür scheinbar eine irreführende Radwegführung in Kauf genommen werden. Einen kleinen Zwischenstopp mit zwei Äpfeln und ein bisschen Gel schob ich vor der Stadt Wildberg ein. Die Uhr zeigte 11:30 und das Navi bereits 880 Höhenmeter. Ich entschloss mir dann gleich in Wildberg eine Gaststätte für die Mittagspause zu suchen, bevor der große Mittagsansturm beginnt.

Nach 64 Kilometern fand ich in Wildberg den Gasthof Krone, von dem ich ein fast schon vermisstes „Grüß Gott“, Kürbiscremesuppe, ein Putenschnitzel mit Reis und Salat sowie ein alkoholfreies Radler mitnahm. Das Essen schmeckte allerdings etwas fade. Ich vermutete, dass es am süßen Energiegel lag, das die Geschmacksnerven im Mund vorübergehend unsensibel gemacht haben könnte.

 

Nach der Stärkung fuhr ich etwa 1 Stunde später weiter. Die Sonne ließ sich blicken und die Temperatur – den ganzen Vormittag bereits steigend – hatte mittlerweile 14°C erreicht, so dass ich obenherum wieder kurzärmlig fahren konnte. Die Planung der Trinkflaschen funktionierte gut, ich hatte bis zur Mittagspause eine der beiden Flaschen am Rahmen geleert. Sollte es weiter so laufen, reicht die zweite für den Nachmittag. Mittlerweile verabschiedeten sich die Schwarzwaldhügel zunehmend und landwirtschaftliche Flächen nahmen zu. Trotzdem versuchte sich der Schwarzwald immernoch hin und wieder durch kleine, aber steile Rampen in Erinnerung zu rufen. Das Radfahren an Feldern entlang kann sehr monoton werden. Dennoch machte ich gut Strecke und die Kilometer purzelten.

 

Die bereits zurückgelegten 120 Kilometer quittierte der Körper am späten Nachmittag mit leichtem Hungerast und Energieverlust. Genau dafür hatte ich aber ein gutes „Gegengift“. Etwas Süßes und schon trat ein Erholungseffekt ein. Die Erwartung, dass die zweite Trinkflasche für den Nachmittag reichen würde, bestätigte sich nicht. Kein Wunder, denn es waren auch deutlich mehr Kilometer und Höhenmeter. Um 17:00 begann sich die Sonne zu verabschieden und sofort musste ich eine Kleiderschicht auflegen.

 

Um 17:30 erreichte ich die ‚bett-bike‘ Pension Haas außerhalb von Rottweil. Der Kilometerstand blieb für diesen Tag bei 142 Kilometern und knapp 2100 Höhenmetern stehen. Nachdem alle organisatorischen Dinge mit der sehr netten Besitzerin der Pension geklärt waren, wurde mir der Service angeboten, mich mit dem Auto in die Innenstadt zu fahren um dort Abend zu essen. Ich lehnte dankend ab, da ich mit dem Fahrrad in die Stadt fahren wollte. In meinem Zimmer packte ich aus, duschte mich und zog mich um. Anschließend wollte ich das Navi an die Steckdose anschließen, da der Akku schon aus dem letzten Loch pfiff. Dann fiel mir auf, dass ich das falsche Kabel eingesteckt hatte. Das war ein großes Problem, denn ohne Navi würde ich die Strecke nicht fahren können.

 

Zu Fuß machte ich mich in das benachbarte Industriegebiet auf, um nach einem Elektrogeschäft zu suchen. Ich fand auch eines, allerdings war dieses mehr auf Elektro-Großgeräte spezialisiert und konnte mir nicht weiterhelfen. So fasste ich den Entschluss, das Angebot der Pensionsbesitzerin doch anzunehmen und mich in die Stadt kutschieren zu lassen. Dabei fragte ich auch sie nach einem Ladekabel. Trotz Bemühungen konnte sie aber keines ausfindig machen. Ich fragte, ob es in der Innenstadt ein weiteres Elektrogeschäft gibt, welches noch geöffnet wäre. Glücklicherweise befindet sich am anderen Stadtende ein ‚Euronics‘-Elektromarkt. Der Mann der Besitzerin fuhr mich zum Euronics, nahm mich zurück in die Innenstadt und gab mir noch Empfehlungen für das Abendessen. So kehrte ich um 19:00 in den „Becher“ ein und ließ mir Maultaschensuppe, Zwiebelrostbraten mit Bratkartoffeln und ein alkoholfreies Radler schmecken. Die verbrauchten Kalorien als Rechtfertigung im Hinterkopf, bestellte ich mir außerdem ein Vanilleeis mit Sahne als Nachtisch.

 

Gut gesättigt machte ich mich nach etwa 1,5 Stunden wieder auf den Weg zurück zur Pension. Dabei nahm ich noch ein paar Eindrücke der schönen Stadt Rottweil mit. Der Fußweg von 2 Kilometern tat mir sehr gut nach dem Essen, allerdings hatte ich anschließend nur noch ein Bedürfnis: Schlafen.

 

Donnerstag, der 31.10.2013:

Um 5:45 klingelte der Weckruf meines Handys. Da ich ein Ladekabel im Euronics finden konnte, zog ich das Navi voll aufgeladen vom Stecker ab. Ich packte zusammen und saß – wie mit der Besitzerin vereinbart – um 6:45 am Frühstückstisch und ließ es mir wieder so schmecken, als wäre das Abendessen vom Vortag nicht gewesen. In Anbetracht der zu erwartenden Anstrengungen verlor ich nicht einmal ansatzweise den Gedanken, zu viel zu essen. Ich war bereit zur Abreise, bezahlte die Übernachtung und schwang mich wieder auf meinen Drahtesel. Die Uhr schlug 7:30 und das Thermometer -3°C mit gefrorenem Tau – ein schöner Anblick.

Der Radweg führte durch Villingen-Schwenningen, dessen Parkanlagen und Wäldern. Nicht die besten Wege aber landschaftlich schön anzusehen. Die ersten Kilometer waren kalt und ich bereute, lange Handschuhe vergessen zu haben. Allerdings fuhr ich mich relativ schnell warm, sodass das kein Problem mehr darstellte. Die Reststrecke zum Bodensee das Neckartal entlang ist sehr bergaborientiert. Den Vorteil es rollen lassen zu können, erkauft man sich leider damit, auch mit Gegenwind rechnen zu müssen. Am Vormittag machte ich bereits in den ersten Stunden viele Kilometer und erreichte flott Donaueschingen mit seiner deutsch/französischen Kaserne. Bereits wenige Kilometer davor wunderte ich mich über Maschinengewehr-Feuer in den Wäldern. Die Quelle der Donau – in Donaueschingen gelegen – wurde gerade grundsaniert. Schade, denn darauf hatte ich mich gefreut.

Außerstädtisch unterwegs, erreichte ich wieder einen guten Schnitt und machte mich zur Mittagszeit daran, ein Lokal zu finden. Das stellte sich als komplizierter heraus als ich vermutete: Ich klapperte 3 Lokale ab, verließ sogar meine Route aber es half nichts. Alle Lokale hatten an diesem Donnerstag Ruhetag. So blieb mir nichts anderes übrig, ich musste weiterstrampeln. Um 12:30 nach 85 Kilometern erreichte ich in Hilzingen ein Edeka-Markt mit Bäcker direkt an der Strecke. Dieser hatte geöffnet und ich versorgte mich mit belegten Brötchen, Pizzastücken und Apfelschorle. Der Andrang im Edeka war sehr groß. Man spürte, dass ein Feiertag bevorstand. Ebenfalls direkt an der Strecke fand ich eine sonnenunterstützte Sitzgelegenheit, auf der ich es mir gemütlich machte und mein Mittagessen verspeiste.

 

Ich betrachtete die in Sichtweite gelegenen Radwegbeschilderung und stellte überrascht fest, dass es bis Radolfzell (am Bodensee) nur noch 20 Kilometer waren. Das war super, denn dann konnte ich mir für diesen Katzensprung etwas Zeit lassen.

Um 13:15 machte ich mich dann in Richtung Bodensee auf. Die Topographie der Strecke war weiterhin sehr radlerfreundlich gestaltet. Der spürbar stärkere Gegenwind wies auf eine großflächige Ebene hin – Die Bodenseeregion.

Vor Radolfzell erblickte ich die alte Festungsruine Hohentwiel, der ich aber keiner größeren Beachtung schenkte.

In Radolfzell angekommen, erspähte ich die ersten Sonnenreflektionen auf dem Wasser des Bodensees und mich durchfuhr ein Glücksgefühl. In zwei Tagen zum Bodensee, geht also!

 

Mein Ziel war aber noch nicht erreicht. Ich wollte nach Konstanz, um von dort mit dem Zug zurück zu fahren. 10 Kilometer Strecke lag also noch vor mir. Die letzten Kilometer zogen sich gefühlt sehr in die Länge, auch bedingt durch den starken Gegenwind.

In Konstanz angekommen, führte meine Route durch die schöne Innenstadt und plötzlich spuckte mich Konstanz am Hafen aus. Idealerweise liegt der Bahnhof direkt am Hafen, sodass ich quasi direkt vom Rad in den Zug hätte steigen können. Ein schöner Ausklang wäre das aber nicht gewesen und so prüfte ich nur kurz die verfügbaren Zugverbindungen, kaufte mir und meinem Rad ein Ticket und machte es mir auf einer der Ufersitzbänke bequem. Ich versuchte, alle aufgestauten Eindrücke der letzten zwei Tage zu verarbeiten, merkte aber schnell, dass ich dazu länger brauchen würde. Ich beobachtete den nebelverhangenen Bodensee und die vielen Menschen, die erstaunlicherweise am Hafen unterwegs waren.

 

Um 16:36 fuhr mein Zug von Konstanz ab. Ich ergatterte rechtzeitig einen sicheren Platz für mein Rad und einen unmittelbaren Sitzplatz für mich selbst. Eine sitzplatzfordernde Dame musste ich fragen, wie sie sich das vorstelle, als sie versuchte mein Fahrrad zur Seite zu schieben. Sie zog kommentarlos ab und fand wenige Sekunden einen Sitzplatz für sich. Später stiegen noch mehrere Radler aus und ein. Mit einem Mann um die 50 fachsimpelte ich später noch ein wenig.

Nach 3 Stunden Zugfahrt stieg ich in Karlsruhe Hauptbahnhof in die S-Bahn um und tuckerte den Restweg nach Karlsbad.

Nach einer Liebeserklärung an meine Dusche sank ich in mein Bett und konnte nur ein Fazit für die vergangenen 2 Tage und 271 Kilometer finden: „Richtig gut, unbedingt wieder!“

 

PS: Die Getränkmenge hat knapp gereicht und einen Platten hat mein Rad nicht bekommen.