Eine Idee wird geboren…

Ich blicke auf das Jahr 2013 zurück. In Baden-Württemberg beginnt für mich ein neuer Lebensabschnitt und sicher für niemanden überraschend ist, dass der Nordschwarzwald als mein neues Zuhause (ent)spannende Freizeitmöglichkeiten schafft. In den ersten zwei Jahren konnte man mich noch standesgemäß und überwiegend mit dem Fahrrad über die höchsten Berge und durch die kältesten Täler fahren sehen. So manche Anstiege lehrten dabei meinen Beinen das Fürchten.

Leider führten mich finanzielle Engpässe zum Verkauf mehrerer Fahrräder. Der Umstand des mir dadurch fehlenden Mountainbikes hatte jedoch wiederum unerwartet positive Auswirkungen auf die Art meiner außerberuflichen Fortbewegung, denn ich entdeckte in den letzten Jahren, dass mir der Tausch der zwei Räder gegen zwei Beine als Fortbewegungsmedium sehr gut tut. Seit geraumer Zeit stapfe ich jetzt also schon bei allen erdenklichen Wetterlagen regelmäßig durch den Schwarzwald und erkunde Wasserfälle, Bäche, Moore oder lasse mich von der Weitsicht bei Inversionswetterlage beeindrucken.

Jede Tageswanderung nährte die Gedanken an größere Fußmarschdimensionen und nachdem ich 2015 und 2016 große Fahrradreisen durch Deutschland unternommen hatte, reifte in mir der Wunsch, im 2017er Sommerurlaub meine Wanderkarriere mit einem Mehrtagesabenteuer zu krönen. Für einen noch verhältnismäßig jungen Schwarzwaldimmigranten birgt das größte Mittelgebirge Deutschlands nämlich noch immer viele Orte, Erlebnisse und Herausforderungen, die im Sturm des Schrittes erobert werden wollen.

Der zu Beginn in meinen Synapsen wabernde Traum einer langen Wanderung wich einer zunächst noch verschwommenen Vision von der Durchquerung des Schwarzwaldes und mein Abenteurergeist verleitete mich zum vorsichtigen Marketing gegenüber einem Kreis von Eingeweihten. Diesen vertrauenswürdigen Menschen erzählte ich von einem großen Abenteuer, dem ich mich stellen möchte und noch bevor das neugierige Leuchten in den Augen meiner Gesprächspartner richtig aufflammen konnte, posaunte ich schon das Lied vom wagemutigen Wanderer, der den Schwarzwald von Nord nach Süd durchqueren möchte, aus.

Nun ja – einmal entfesselte Pferde lassen sich nicht mehr einfangen… 🙂


Wer gut plant, der gut läuft!

Es ist Juni. Die Temperaturen des Sommers 2017 lassen keinen Zweifel an der Tatsache, dass mein Abenteuer unaufhaltsam näher rückt und ich beginne meine psychische Vorbereitung damit, nicht mehr von Monaten, sondern nur noch von Wochen zu sprechen! Zu dieser Zeit stelle ich mir Fragen, wie:

Wie beuge ich Blasen vor?

Wie komme ich unterwegs an Trinkwasser?

Sind Gedanken übers Abwehren von Wildtieren völlig übertrieben?

Wo liegt die erträgliche Gewichtsgrenze des Rucksacks?

…und nicht zuletzt: Was brauche ich alles nicht?

Viele mögliche Problemsituationen spielte ich in meinen Gedanken durch, suchte und fand auch für alle denkbaren Unwägbarkeiten zufriedenstellende Lösungen, derer zwei ich hier näher beschreiben möchte.

Das Problem mit dem Trinkwasser

Berechtigt ist auch die Gegenfrage: Ist das in Deutschland überhaupt ein Problem? Sind wir nicht mit trinkbarem Wasser an jeder Ecke gesegnet? Sicherlich lässt sich das nicht pauschal beantworten. Fakt ist aber, dass die Verdauungsapparate von uns Mitteleuropäern zwar an einen Überfluss an Nahrung, nicht jedoch an schlechtes Wasser gewöhnt sind. So kann ein Überschreiten von bestimmten Schwellenwerten an Protozoen, Bakterien und Viren mindestens zu Durchfällen, im schlimmsten Fall aber auch zu Cholera, Hepatitis oder Typhus führen (Quellen: HIER, HIER oder HIER). Das Risiko dafür ist in unserem Land deutlich geringer als in anderen, soviel ist klar. Da mir aber immer noch viele Dinge einfallen, die angenehmer sind als Durchfall, reicht mir das als Argument aus, um mir um die Beschaffung von Trinkwasser Gedanken zu machen. Nach einiger Recherche habe ich mich für eine Kombination aus mechanischem Wasserfilter mit Aktivkohle und einer Reinigung mit UV-Licht entschieden. So wird trübes Wasser klarer, der Geschmack verbessert sich und alle gefährlichen Krankheitserreger werden entfernt. Weiterer Vorteil: Ich spare Gewicht, da ich weniger Trinkwasser dabei haben muss. An jeder Wasserstelle kann ich filtern und auffüllen. Problem gelöst!

Das Problem mit Blasen an den Füßen

Würde ich zum Kategorisieren von Unerwünschtem auf Tour aufgefordert werden, würde ich Blasen an den Füßen in die Nähe von Durchfall stellen. Seitdem ich meinen alltäglichen Arbeitsweg fast ausschließlich zu Fuß beschreite, drängte sich mir der Bedarf nach einer Gegenstrategie immer stärker auf, denn die Tage an denen ich mit Blasen ankam, wurden zur leidvollen Regelmäßigkeit. Mit herannahendem Großprojekt „Pan-Schwarzwald“ musste ich eine praktikable Lösung in petto haben. Aus dem Sammelsurium von Erfahrungsberichten in Form von virtuell Niedergeschriebenem, bastelte ich mir ein für mich tauglich erscheinendes Paket an Maßnahmen zur Blasenprophylaxe. Die aktuellste Version sieht eine regelmäßige Pflege der Fußhaut mit Hirschtalg, ein Abkleben der Ferse mit Heftpflaster sowie Einschmieren mit reibungsmindernder Pflegecreme am Lauftag vor. In Kombination mit geeigneten Socken und einer mechanischen Reparatur meiner Laufschuhe erreichte ich sehr gute Ergebnisse. Für meinen langen Trip wollte ich diese Methode beibehalten und hoffte, dass sie auch einer mehrtägigen Wanderung standhält. Problem gelöst!?


Meinen Mitmenschen müssen die Wochen vor den Sommerferien und damit dem Beginn meiner großen Reise sehr verdächtig vorgekommen sein, schließlich waren meine Gedanken die meiste Zeit des Tages auf mein kleines, großes Abenteuer fokussiert. Eine tiefgründige Unterhaltung mit mir kann so nicht mehr möglich gewesen sein. 🙂

Was nicht alles noch zu tun war…

Meinem Girokonto mutete ich wieder einmal – keinerlei Empathie empfindend – massive Beanspruchungen zu. Zumindest equipmentseitig wollte ich sorgenfrei und sicher meine Reise antreten. Angesichts der, im Nachhinein betrachtet erheblichen finanziellen Größenordnung, fällt es mir immer noch schwer, alles aufzuzählen, was ich mir dafür nach und nach noch kaufte. Die bedeutendsten Posten waren der Rucksack mit 65 Litern Fassungsvermögen von Deuter, die selbstaufblasende Isomatte von Therm-A-Rest, der für bis zu 0 °C geeignete Schlafsack von Vango und das 1-Mann-Geodätzelt von everest1953, mit dem ich noch meine (Achtung, Ironie!) „helle Freude“ haben werde – nur wusste ich das zu diesem Zeitpunkt noch nicht!

Wenn man erfahrene Wanderer fragt, was die wichtigste Ausstattung für eine Wanderung ist, liegen „gute Wanderschuhe“ auf den TOP 3 der Antworten. Zunächst hielt ich auch meine Meindl Halbschuhe, die ich bisher fürs Joggen nutzte, für mehrtagestauglich. Beim Betrachten der fast abgelaufenen Sohle sagte ich mir: „Ach, die läufste jetzt noch runter und danach sind sie fertig.“ Die Wochen gingen ins Land und mittlerweile weiß ich nicht mehr genau, was mich dazu verleitet hat, nicht mehr so sicher zu sein, ob ich diesen Schuhen/mir das wirklich zutrauen kann. Um es kurz zu machen: Entgegen jeder Empfehlung, Schuhe vor Reisen dieser Art ausreichend einzulaufen, bestellte ich mir wenige Wochen vor Start der Reise drei Paar Wanderschuhe. In diesem Zusammenhang stellte ich fest, dass ich wohl breite Vorderfüße besitzen muss, denn die wasserdichten Meindl Antaleo GTX mit sogenannter „Comfort Fit“-Leiste umschmeichelten meine Füße am überzeugendsten. Den Einzug in meinen Schuhschrank hatten sie sich damit erkauft.

Die letzten Tage brachen an und der Rucksack füllte sich: Trockennahrung, Kocher, Socken, Trinkblase, Erste-Hilfe-Set, Zahnbürste, Schlafsack, Stirnlampe, Solarzelle, Ladegeräte, Isomatte, Fotoapparat, Zweithose, Löffel, Sonnencreme, Geld, EC-Karte, Hausschlüssel, Navigationsgerät, Handy, Regenponcho, Funktionsshirt, Mückenspray, Blasenpflaster, Zeckenzange, Wasserfilter, Gaspatrone und so weiter und so weiter…


Zurück auf Los – Der erste Tag (29.7.17):

Die letzte Nacht im heimischen Bett habe ich überraschenderweise schlafend überstanden, von einer kleinen Portion Aufregung und Hoffnung abgesehen. Da ich mir für heute nur 20 Kilometer Laufen vorgenommen habe, genieße ich die Freiheit, auch etwas später aufzustehen. Ein paar Kleinigkeiten sind noch an den schon schweren Rucksack zu hängen, dann kann es endlich losgehen. Zu guter Letzt bringe ich noch den Müll raus, schließe alle Fenster und deaktiviere den Strom im Sicherungskasten, mit der Absicht, allen Standby-Geräten tatsächliches Stromsparen beizubringen.

Um 8:20 Uhr stapfe ich los – erstmal gen Süden – erstmal bergauf.

Mein erstes Zwischenziel ist Dobel auf 700 m ü. NN. Noch bevor ich dort ankomme und mich über die durch Baumaschinen zerpflügten Wege zu sehr ärgere, fällt es mir wie Schuppen von den Augen: Ich habe zu Hause die Sicherungen deaktiviert und das heißt nicht nur, dass ich Strom spare, sondern auch, dass jetzt der Kühlschrank abtaut. Oh je…!!!

Lösung, Lösung, Lösung…eine Lösung muss her. Soll ich zurücklaufen? Das wären 10 Kilometer einfach. Nee, es muss etwas Besseres geben! ÖPNV? Wer weiß, ob und wann die fahren?! Ein Taxi rufen wäre wohl das Schnellste, sobald ich in Dobel bin. Glücklicherweise hängt in einer Dobeler Bushaltestelle Werbung von einem lokalen Taxiunternehmen und glücklicherweise hat der nette Mann auch gerade Zeit, wie er mir am Telefon deutlich macht.  Zehn Minuten warte ich auf das Auto, dessen Beifahrersitz ich unter staunenden Augen umgehend mit meinem Handtuch ausstatte, um ihn vor des Wanderers Schweiß und Dreck zu schützen. Während der Fahrt unterhalten wir uns über mein Vorhaben und auch über die Ursache der im Wald ablaufenden Baumaßnahmen. Der Taxifahrer bestätigt meine Vermutung, dass es sich dabei um die Vorbereitungen zum Bau von Windkraftanlagen handele und auch, was er in diesem Fall davon hält. Bevor wir eine halbe Stunde später wieder das Ortseingangsschild von Dobel passieren, sind wir gerade noch dabei, uns über das Für und Wider dieser Art der Energieerzeugung auszutauschen. Glücklich darüber, dass ich mein Kühlschrankproblem so schnell lösen konnte und mir der Fahrer nur die einfache Fahrt berechnet, schreite ich wenig später glücklich und motiviert durch das Sonnentor in Dobel, welches durch seinen symbolischen Charakter als Markierung des bekannten Westwegs seinen Teil zu meiner Freude beiträgt.

Gleich zwei Mal werde ich daraufhin nach dem Weg gefragt. Scheinbar attestiert man einem voll bepackten Wanderer hohe Navigationskompetenz, nach dem Motto: „Wenn nicht der, wer dann?“ Was diese netten Freizeitenthusiasten jedoch nicht wissen können ist, dass ich ebenfalls kaum Ortskenntnis habe und ihnen dementsprechend nur begrenzt helfen kann. Kinder wie ich, die mit den Vorzügen der modernen digitalen Technologie aufgewachsen sind, vertrauen nämlich auf ein Navigationsgerät. In dieses kleine Wundergerät habe ich alle Tagesetappen eingespeichert und kann mich so auf die Natur und meine Gedanken konzentrieren und verschwende nicht wertvolle Energie für das Tragen von Landkarten oder dem Versuch, mich mit meinem nur begrenzt fähigen Orientierungssinn zurecht zu finden.

Gegen 17:00 Uhr peile ich meinen vorgesehenen Wildcampingplatz an, der meinen über Google Earth gehegten Verdacht bestätigt, dass es sich um eine Wiesenfreifläche mitten im Wald auf über 900 m handelt. Ich schlage mein Zelt auf, spanne die Wäscheleine zwischen zwei sich unter der Last meiner durchgeschwitzten Kleidung biegenden jungen Nadelbäume, wasche mich, esse und während die letzten Sonnenstrahlen die Baumwipfel in sanftes Orange hüllen, schreibe ich ohne Internetzugang diese Worte, auf einem großen Buntsandstein sitzend, und mit leisen Tönen von Animals As Leaders lasse ich den ersten Wandertag in zufriedener Gemütsverfassung ausklingen.

Eine angenehme und naturgeräuschuntermalte Nacht wünsche ich mir, als ich wenig später im Schlafsack verschwinde. Ich freue mich auf die nächsten Tage!


Von Wasser die Schnauze voll – Der zweite Tag (30.7.17):

Ruhig und warm – so könnte man die Nacht beschreiben. Warm nicht der Außentemperaturen wegen, sondern wegen meines Schlafsackes, den ich deshalb in den frühen Morgenstunden öffne. Seit gestern Nacht vernehme ich zudem leise Partymusik aus dem Tal und stehe ebenso mit ihr auf. Glücklicherweise habe ich Ohrenstöpsel mitgenommen – die Auswahl der Interpreten entspricht nämlich nicht wirklich meinem Geschmack.

Das morgendliche Zusammenpacken verläuft reibungslos, sodass ich bereits um 7:00 Uhr den Marsch des zweiten Tages antrete. Während ich mich ein paar hundert Meter weiter an einer erloschenen Feuerstelle am Frühstück labe, sinniere ich – untermalt von der Musik aus dem Tal – über die vor mir liegenden Erlebnisse und Herausforderungen. Eine Stunde später, mit Besteigen des knapp 30 Meter hohen Aussichtsturms auf dem Hohloh-Berg ist dann schließlich auch keine Musik mehr zu hören, was super ist, denn somit kann ich die herrliche Aussicht in buchstäblicher Ruhe genießen.

Wieder unterhalb von 1.000 m ü. NN unterwegs, ist der weitere Weg durch den Abstieg zum Latschigfelsen und ins Murgtal gekennzeichnet. Viele Tiefenmeter belasten meine Beine merklich, jedoch beweisen die neuen Trekkingstöcke zum ersten Mal ihren Zweck auch bergab und verschaffen mir deutlich Entlastung. Im Tal der Murg angekommen, fülle ich meinen Vorrat mit gefiltertem Wasser, esse eine Portion vegetarisches Gemüserisotto, lege mich für einen kurzen Mittagsschlaf auf eine Bank unter einen schattenspendenden Baum und verschaffe meinen Füßen so ihre verdiente Ruhepause.

…die aber nicht allzu lange dauert, denn wenig später kündigen sich dunkle Wolken und Donnergrollen an. Nun, es sind noch gute 10 Kilometer zu laufen, also weiter Richtung Forbach. Dort angekommen, schreite ich durch eine tolle geschreinerte Holzbrücke, die den Fluss Murg überspannt. Unter ihrem Dach entdecke ich auf der Brüstung eine beinahe leblos daliegende kleine Fledermaus. Helfen kann ich ihr leider nicht mehr.

Mit gefülltem Wasservorrat verlasse ich die Stadt in Richtung Schwarzenbach-Talsperre. Das heißt: Bergauf!

Hurra, die ersten richtigen Höhenmeter des Tages. Damit diese besonders eindrücklich in Erinnerung bleiben, machen das Gewitter und der Regen immer stärker auf sich aufmerksam. Ein Hundebesitzer, der offenbar bereits den sicheren Heimweg angetreten ist, wünscht mir beim Entgegenkommen „Viel Spaß!“. Ich habe es unterlassen zu ergründen, ob es sarkastisch oder ehrlich gemeint war.

Die Regentropfen und das Donnergrollen spielen sich warm. Erstere machen mir nichts, denn ich habe meinen Poncho über mich und meinen Rucksack gestreift und bin auf alle Ausmaße von Nässe vorbereitet. Glücklich über den Erwerb des Ponchos, genieße ich den prasselnden Regen, das Ausgesetztsein und atme mit vollem Lungenvolumen die frische feuchte Luft. Das kleine Gewitter hat bald keine Kraft mehr und ich kann mich aus dem Schweißgefängnis des Ponchos befreien. Nach einigen weiteren Höhenmetern erreiche ich die Talsperre. Ich erinnere mich gleich an einen heißen Sommertag vor ein paar Jahren. Während einer Fahrradtour hielt ich genau hier und sprang ins erfrischende Nass. Leider ist für mich die Attraktivität und der Erholungswert der Talsperre aber auch durch die angrenzende Straße und deren Lärm begrenzt.

Von Regen und Lärm bleibe ich dann bis zum kleinen Ort Hellwies verschont. In Hellwies erwartet mich der seinem Akzent nach aus der Schweiz stammende Campingplatzbesitzer bereits. Nach Aufbau des Zeltes und einer kalten Dusche, sitze ich im Gasthaus „Waldesruh“ und genieße einen großen Salat, Spätzle und ein gemischtes Eis. Draußen regnet es derweil wieder und während ich diese Worte schreibe, denke ich an die nächste Nacht, den nächsten Tag und hoffe, dass morgen auch alles gut läuft – mit dem Wasser, meinen Füßen, dem Rucksack und überhaupt.

Als ich satt und glücklich den Rückweg zum Zeltplatz beende, stelle ich frustriert fest, dass mein Zelt dem kurzen, aber heftigen Regenschauer nicht standgehalten hat. Durch die abschüssige Lage des Zeltes hat sich im Zeltinneren eine beachtliche Pfütze gebildet und das Wasser hat auf seinem Lauf durch das Zelt die Isomatte, die Kamera und einige andere Sachen nass gemacht. Unter ersten Müdigkeits- und Frustrationserscheinungen leidend, trockne ich mit meinem Handtuch alles nass gewordene so gut es geht und verkrieche mich verärgert in meinen glücklicherweise trocken gebliebenen Schlafsack und versuche, diesen kleinen Rückschlag zu vergessen, was mir durch die Gedanken an die angekündigten Regengüsse in den nächsten Tagen leider nicht in Gänze gelingt.

Gute Nacht!


Der orientierungslose Geist des Auerhuhns – Der dritte Tag (31.7.17):

Der dritte Tag beginnt freundlich, trocken und kühl. Um 8:20 Uhr setzen sich meine Beine in Richtung Hornisgrinde in Bewegung, vorbei am vernebelten Sandsee, der im 18. Jahrhundert für die Baumstammflößerei aufgestaut wurde und mir nun einen guten Rahmen bietet, mir meine begrenzten fotografischen Fähigkeiten vor Augen zu führen. Parallel zur Schwarzwald-Hochstraße verläuft hier der Westweg und ich komme an der kleinen Häusergruppe Sand vorbei, die ich schon von früheren Wanderungen kenne und an der auch ein Denkmal des ersten deutschen Reichskanzlers steht. Mein Interesse dafür hält sich jedoch in Grenzen und ist auf den weiteren Fußmarsch und an ein anderes Zwischenziel fokussiert, welches ich heute erreichen möchte: Die Hornisgrinde – die höchste Erhebung im Nordschwarzwald.

In der Zwischenzeit gönne ich mir schöne Ausblicke auf die westseitige Rheinebene und das eindrucksvolle und luxuriöse Schlosshotel Bühlerhöhe. Mit dem Aufstieg auf den mit Heidegräsern bewachsenen Hochkopf überschreite ich auch zum ersten Mal auf dieser Tour die magisch-motivierende 1.000 m über dem Meeresspiegel. Mein Blick orientiert sich dabei stets an einem markanten Punkt: Dem Sendemast des SWR auf der Hornisgrinde, der mit seinen eindrucksvollen 207 Metern bereits von weiter Entfernung zu sehen ist und sich für die Rundfunkversorgung von etwa 2 Millionen Einwohnern verantwortlich zeichnet. Beim Abstieg vom Hochkopf komme ich mit einem rüstigen Ehepaar über Auerhühner ins Gespräch, die auf diesen Heideflächen anzutreffen sein sollen. Der Mann berichtet mir, dass er in 30 Jahren Wandererfahrung nicht ein Mal auf ein Auerhuhn gestoßen sei und es in Frage stelle, ob deren Anzahl eine bedeutende Größe übersteige. Ich konstatiere ihm, dass mir der Blick auf ein solches Geschöpf bisher auch nicht vergönnt gewesen ist.

Auf dem Weg zur Hornisgrinde lege ich weitere Höhenmeter zurück, die sich dank meinen fitten Beinen, den super Wanderschuhen und meinen Trekkingstöcken relativ leicht bewältigen lassen. Durch das ausgefeilte Tragesystem des schweren Rucksacks fühlt sich sein Gewicht nicht so träge an und ich spüre, dass sich mein Körper auf diese Last immer mehr einstellt.

Die Sonnenstrahlen und den aufkommenden Wind unterhalb des Gipfels der Hornisgrinde nutze ich, um es mir auf einer Bank gemütlich zu machen, Mittag zu essen und meine Kleidung zum Trocknen aufzuhängen. Zudem entfalte ich meine mobile Solarzelle und lade die Akkus meiner elektronischen Geräte. Diese Situation anzusehen, scheint für die zahlreichen Gipfelbesucher anscheinend skurril genug zu sein, um mich mit ebenso zahlreichen wie freundlichen Kommentaren zu bombardieren. Trotz meiner Konzentration auf die Organisation aller erforderlichen Dinge und Tagesziele, versuche ich jeden Kommentar mit einem Lächeln oder einer freundlichen Antwort zu würdigen.

Meine wetterbezogenen Befürchtungen bewahrheiten sich wenig später: Der Wind nimmt zu und es ziehen mehrere Regengebiete heran, die sich in den nächsten Stunden mit der Sonne ein ständiges Hin und Her leisten werden. Davon mehr oder weniger unbeeindruckt, ziehe ich mich auf eine überdachte Bank zurück, beobachte und fotografiere dieses meteorologische Wechselspiel, zu dem sich später auch noch Gewitterzellen hinzugesellen. Wenige Stunden später rüste ich mich mit getrockneter Kleidung und vollem Magen für den Abstieg zum Mummelsee, aus dem ich mir angenehm kaltes Wasser filtere und in meine zwischenzeitlich leeren Behälter fülle.

…die sich am nächsten Anstieg zum Schwarzkopf gleich wieder erheblich leeren, denn hier führt der Westweg parallel an einem steilen Skihang hinauf. Diese Steigung bringt meine Pumpe so richtig zum Arbeiten und der Schweiß läuft in Strömen. Oben angekommen, kann von einer Verbesserung der Situation keine Rede sein: Obwohl nicht mehr steil, stelle ich mir nun die Frage, ob es hier überhaupt einen Wanderweg gibt. Vor mir sehe ich nur wildes Schwarzwald-Gestrüpp, die rostige Liftanlage und ein mickriges Holzhäuschen. Hätte ich doch die Abzweigung 200 Meter weiter unten nehmen sollen? Nach einigem unentschlossenen Hin und Her, stakse ich durch das Gestrüpp in eine Richtung, die mir sinnvoll erscheint. Mit Worten lässt sich diese bizarre Situation nicht wirklich beschreiben, aber ich kann´s versuchen: Ich balanciere nun von einem abgestorbenen Baumstamm oder Stein zum nächsten und stelle hier und da erst beim Drauftreten fest, dass dieser verrottete Baum unter meinem Gewicht in sich zusammensackt und ich mich daraufhin ein Stockwerk tiefer in den Sträuchern wiederfinde. Dieser Vorgang wiederholt sich einige Male, bis ich ungefähr eine halbe Stunde später mit zerkratzten Beinen auf einem breiten Wanderweg an der Westflanke des Schwarzwaldes wieder zu mir finde. Mittlerweile neigt sich die Sonne schon gen Westen und ich nutze diese schöne Stimmung für die Suche nach Fotomotiven.

Wenige Kilometer weiter auf der Ruhesteiner Passhöhe, der ehemaligen Grenze zwischen Baden und Württemberg, setze ich die tagesfüllenden Überlegungen zur Lösung meines Zeltproblems in die Tat um. Ich rufe beim Zeltplatz an, auf dem ich zwei Tage später sowieso übernachten will, reserviere gleich ein Plätzchen und lasse mir bestätigen, dass der Betreiber ein Paket für mich entgegennehmen würde. In diesem Paket soll ein neues Zelt stecken, dass ich mir nach dem Telefongespräch mit dem Smartphone im Internet bestelle. Bleibt nur die Hoffnung, dass das Paket und ich auch rechtzeitig dort eintreffen.

Ich atme tief durch, als dieses Problem vorerst gelöst scheint; jedoch nicht ohne Opfer, denn diese Aktion hat einiges an Akkuladung meines Telefons verbraucht, aber ich bin beruhigt und kann mir nun einen ruhigen Platz zum Abendessen und Schlafen suchen. In der Nähe des 1014 Meter hohen Schweinkopfes finde ich gegen 20 Uhr ein ruhiges Plätzchen auf einer wunderschönen Wiese hinter großen Sträuchern. Dort breite ich mich aus, genieße noch die untergehende Sonne, esse eine reichliche Portion Nudeln mit Soja-Bolognese, wasche mich mit dem Restwasser, das ich noch habe und finde wenig später einen unruhigen, aber trockenen Schlaf.

…what a day! 🙂


Hut oder Hütte, Hauptsache Obdach – Der vierte Tag (1.8.17):

Die ersten Sonnenstrahlen fallen 7:00 Uhr morgens in mein Zelt und ich bin schnell wach. Die Akkuladungen meiner Geräte hatten sich über Nacht nicht wirklich erholt und so nutze ich diese Sonne auch gleich mit meiner kleinen faltbaren Solarzelle. Die Sträucher, die mir in der Nacht Wind- und Blickschutz leisteten, dienen mir an diesem schönen Morgen zum Auslüften von Schlafsack und Kleidung.

Einige Zeit und etwas getankter Sonnenenergie später, packe ich alle Sachen routiniert in meinen Rucksack und mache mich in Richtung Schliffkopf auf, den ich eine Stunde später erreiche und mir bei gleichzeitigem Genießen der Aussicht langsam Sorgen um die Beschaffung von Trinkwasser mache, dessen letzten Rest ich mit dem abendlichen Waschen aufgebraucht hatte. Wenige hundert Meter weiter erfüllt mich des Wanderers Glück, als ich eine kleine Quelle finde und mir drei Liter frisches Wasser in meinen Rucksack füllen kann.

Das Wetter spielt mit, zeigt sich aber von seiner hochsommerlichen Seite. Dem entgegne ich lässig mit meinem eleganten Sonnenhut und Faktor-50-Sonnencreme. Nach dem relativ späten Müsli-Frühstück setze ich diese Energie gleich in eine ungezwungen hohe Laufgeschwindigkeit um und komme auf sich abwechselnden Untergründen mit tollen Aussichten Richtung Süden und Westen gut voran. Mit Erreichen des Ortsteils „Zuflucht“ westlich von Freudenstadt zeigt sich das Wetter weniger sonnig und es riecht immer stärker nach Regen und Gewitter. Erst als ich den sehr idyllisch gelegenen Glaswaldsee erreiche, um Wasser nachzutanken und nach einer Übernachtungsmöglichkeit zu suchen, beginnt es zu regnen. Mein toller Regenponcho leistet mir hier wieder gute Dienste, sodass mehrere kleine Schauer unbeeindruckt an mir vorübergehen. Leider ist die einsame Hütte am Glaswaldsee schon durch andere Outdoor-Freunde belegt und so suche ich noch etliche Kilometer weiter nach einem geeigneten und vor allem wasserdichten Nachtquartier – denn aus dem Internet kamen Meldungen über heftige Sommergewitter und Regengüsse, die in der bereits hereinbrechenden Nacht über dieser Region einhergehen sollen. Mit einem undichten Zelt will ich mir das nicht antun.

Meine Geduld zahlt sich aus und so erreiche ich zufällig eine abgelegene befestigte Jagdhütte mit einem zu diesem Zeitpunkt als luxuriös empfundenen überdachten Vorraum. Ich bin sehr erleichtert und während ich zu Abend esse, beobachte ich die herannahenden dunklen Wolken und lausche flachatmig dem immer deutlicher hörbaren Grummeln. Den verdienten Tagesabschluss finde ich mit einer kleinen Freiluft-Dusche aus meiner Trinkblase. Wenig später lege ich mich in stiller Aufregung in mein Zelt, das ich im Vorraum des kleinen Holzhauses ausgebreitet habe, um in meinem warmen Schlafsack der Dinge zu harren, die da auf mich zukommen.

Meine Erwartungen werden nicht enttäuscht. In dieser Nacht schlafe ich wenig, erlebe aber mehrere starke Gewitter mit Platzregen, Donner und Blitzen. Ich fühle mich dennoch sicher und kann sogar behaupten, dass ich diese Gewitter richtig genieße. Die Geräuschkulisse eines solchen Gewitters im Freien zu erleben, ist wirklich beeindruckend und der Übermacht dieser Naturgewalt demütig ausgeliefert, fühle ich mich in meinem kleinen Zelt unter dem Dach dieses kleinen Holzhauses sehr wohl und will zu diesem Zeitpunkt an keinem anderen Ort sein, als genau im Hier und Jetzt.


Fehlt nur noch ein wasserdichtes Zelt – Der fünfte Tag (2.8.17):

Der nächste Tag und ich lebe noch! Eine atemberaubende Nacht liegt hinter mir und motiviert mich für neue Taten. Der Morgen beginnt mit leichtem Nieselregen und einem traumhaften Blick von 900 Metern Höhe in tief bewaldete Gebiete des Schwarzwaldes. Mittlerweile findet mich mein Navigationsgerät südlich von Offenburg, das selbst südlich von Straßburg liegt. Mit einem prüfenden Blick überzeuge ich mich von der Unversehrtheit meines nächtlichen Schlafplatzes und ich bedanke mich innerlich beim Erbauer für das unwissende Zurverfügungstellen seiner hölzernen Hütte. Kurz nach 7 Uhr und ich starte in einen neuen Tag…

…einen Tag im Wald, denn über mehrere Stunden und 20 Kilometer laufe ich verträumt, allein und ohne bebaute Siedlungen zu sehen.

Die Westwegpforte auf dem Freiersberger Pass lässt mich aber wieder aus meinem Wandertraum erwachen und ich wähne mich bald wieder zivilisatorisch umgeben. Beim Abstieg ins Kinzigtal nähere ich mich dem Ort Wolfach und mir fällt wieder ein, dass ich heute in dem etwas abgelegenen Stadtteil Kirnbach auf dem Campingplatz „Zur Mühle“ mein neues Zelt entgegennehmen will – wenn mit der Lieferung alles geklappt hat! Der Weg zum Campingplatz fällt mir schwer, da ich mich erst wieder an den lauten Straßenverkehr und harten, weil asphaltierten Untergrund gewöhnen muss. Schon nach kurzer Zeit schmerzen meine Füße und unter Demotivation leidend hoffe ich, bald anzukommen. Nach drei Kilometern Asphalt und einigen Höhenmetern, komme ich auf dem durch Niederländer, Briten, Franzosen und Spanier gut besuchten Campingplatz an und treffe auf den Inhaber Mark, der sich an unser Telefongespräch vor zwei Tagen erinnert, mir aber mitteilt, dass mein bestelltes Zelt noch nicht angekommen ist. Mist!

Schnell schöpfe ich wieder neue Kraft, als ich ans Duschen denke und auch daran, dass ich alle meinen leeren Akkus hier an der Steckdose der Campingplatzrezeption kostenlos aufladen darf. Aber eins nach dem anderen. Zuerst bezahle ich die Übernachtungsgebühr. Daraufhin weihe ich das mir zugewiesene kleine Stückchen Wiese durch den Aufbau meines kaputten Zeltes ein. Geplant war eigentlich, dass ich mich in dieser Nacht schon über das neue – wasserdichte – Zelt freue, aber dieses Glück ist mir heute wohl noch nicht vergönnt. So gut es geht, spanne ich gleich mit einem Konstrukt aus den Wanderstöcken und meinem Regenponcho eine Überdachung fürs Zelt, das mich vor einem größeren Wasserschaden in der nicht mehr allzu weit entfernten Nacht bewahren soll. Daumen drücken!

…aber nicht, ohne vorher anständig zu Abend zu essen. Ich erfahre, dass es einen kleinen Fußmarsch weiter das Tal rauf ein kleines Restaurant gibt, das sehr zu empfehlen ist. Genau das brauche ich jetzt! Also schlage ich richtig zu und bestelle einen Salat, ein Radler, ein Wasser, ein Sojaschnitzel und… Achtung, jetzt kommt´s: …ein „Bollenhut-Eis“, benannt nach dem Strohhut, der mit seinen aufgesetzten Bollen aus Wolle zur traditionellen evangelischen Tracht in dieser Region gehört und oft als Symbol für den ganzen Schwarzwald herhalten muss. Das leckere Eis ist diesem Hut in seiner Optik und seinem Namen nachempfunden.

Ich lasse eine Stunde später alle Traditionen und die in Nahrung investierten 35 Euro hinter mir, denn ich will mich nur noch in meinen Schlafsack kuscheln und schlafen! Mittlerweile habe ich mich auch dafür entschieden, mindestens bis morgen Mittag auf dem Campingplatz zu bleiben, um auf mein Zelt zu warten. Wie es dann weitergeht und ob ich meine Wanderverabredung mit meiner Schwester in Kirchzarten noch einhalten kann, darüber will ich mir heute Abend keine Gedanken mehr machen. Gute Nacht!


Glück kommt selten nach Plan – Sechster Tag (3.8.17):

Eine ruhige und regnerische (aber Wassereinbruch-freie) Nacht liegt hinter und ein spannender Tag vor mir. Das Wichtigste ist heute, dass mein Zelt ankommt. Beim Lieferanten per Telefon oder E-Mail durchzukommen, war bereits gestern erfolglos geblieben und so bleibt mir nur das Warten. Diese Zeit nutze ich, um mit einer Karte der Region herauszufinden, wie ich die verlorene Zeit wieder aufholen kann, auch unter Zuhilfenahme von öffentlichen Verkehrsmitteln. Mark, der Inhaber des Campingplatzes ist mir dabei mit wertvollen Informationen sehr hilfreich. Es vergehen Stunden und ich warte am Eingang des Platzes auf ein gelbes Lieferfahrzeug mit meinem Paket, aber es kommt und kommt nicht…

Die Uhr läutet bereits die Mittagszeit ein und ich fasse den Entschluss, ohne das neue Zelt loszulaufen und hinterlasse bei Mark etwas Geld und den Auftrag, mir das Zelt nach Hause zu schicken. Zugleich bietet er mir zu meiner Überraschung an, dass er einen seiner Mitarbeiter beauftragt, mich zum Hausacher Bahnhof zu fahren, was ich dankend annehme. Der Mitarbeiter schlägt mir noch vor dem Losfahren vor, die einzige Straße des Tals abzufahren, um auf das Postauto Jagd zu machen. Ich stimme dankbar zu, wir fahren los…

…und kommen nach 20 Metern wieder zum Stehen. Wir sind noch nicht ganz aus der Ausfahrt herausgefahren, als wir plötzlich ein gelbes Postauto auf der anderen Straßenseite erspähen. Was für ein Glück!!! Wie ein kleines Kind stürze ich freudestrahlend aus dem Auto, der jungen Paketbotin entgegen und versuche mich zu beherrschen, als ich ihr erkläre, worin der Grund für diesen Überfall liegt. Sie durchsucht den Gepäckraum ihres Fahrzeugs und findet schließlich ein Paket mit der Adresse des Campingplatzes und als ich die Verpackung mit dem Logo des Internethändlers sehe, bin ich mir sicher, dass es genau das ist, worauf ich warte.

Kurze Zeit später werde ich im strömenden Regen am Bahnhof von Hausach abgeladen, bedanke mich herzlich und verschwinde sogleich unter das schützende Dach einer Bushaltestelle, in der ich mein neues Zelt aus- und das alte Zelt einpacke, da es ohne Umwege über die Postfiliale von Hausach den direkten Heimweg antreten darf. Aber erstmal habe ich Hunger!

Mit dem neuen Zelt an den Rucksack geschnallt, satt und glücklich, warte ich auf den Bus nach Triberg. Ich sage so zu mir: Wenn das klappt, dann schaffe ich es, den Zeitverlust wieder wett zu machen und kann diese Nacht noch nicht, aber in der nächsten Nacht genau dort übernachten, wo ich es ursprünglich vorgesehen hatte. Aber soweit bin ich ja noch nicht.

Der Bus kommt pünktlich und setzt mich am späten Nachmittag im touristenüberfluteten Triberg ab. Bis dahin habe ich vom Busfenster auch die weltgrößte Kuckucksuhr erspäht und erfahre, dass die Triberger Wasserfälle die höchsten Deutschlands sind. Ich nenne es Glück im Unglück, die Gelegenheit zu haben, diese Wasserfälle zu sehen und mache mich ohne Umwege auf in Richtung Wasserfälle. Bei einer Sehenswürdigkeit wie dieser steht man vor mehreren Herausforderungen: Zum einen habe ich vergeblich versucht, Fotos vom Wasserfall zu schießen, ohne dass Touristen mit auf dem Motiv zu sehen sind. Zum anderen scheitert mein Versuch, Zugang zu den Wasserfällen zu bekommen ohne Eintritt zu bezahlen. Dass ich auch keinen Erfolg dabei habe, mich nicht von den Menschenmassen stressen zu lassen, verwundert mich dann auch nicht mehr. So stapfe ich zügig am steilen Hang neben den Wasserfällen hinauf, genieße die Geräuschkulisse, die feuchte Luft und bahne mir – freundlich gestikulierend – Wege durch die Trauben von Menschen.

Oberhalb der Wasserfälle – ohne Wasser, ohne Menschen – mache ich es mir auf einer Bank bequem und klebe die sich ankündigende Blase an meiner rechten Ferse ab. Ich gucke auf die Uhr und stelle fest, dass es mittlerweile bereits nach 18 Uhr ist und ich mir langsam Gedanken um ein Nachtlager machen muss. Die nächsten zwei Stunden und sieben Kilometer sehe ich einige geeignete Plätze, finde aber bei fast allen auch Gründe, dort nicht zu campieren. Hinter der Rehabilitationsklinik für Kinder „Katharienhöhe“ bei Furtwangen im Schwarzwald finde ich dann endlich einen ruhigen und abgelegenen Platz, auf dem ich mein neues Zelt in aller Ruhe aufbauen kann. Von Tannenzapfen befreit, breite ich es auf dickem Moosboden aus und freue mich, dass es bei gleichem Gewicht deutlich größer ist als das alte Zelt. Der Aufbau geht rasch und bald liege ich in meinem Schlafsack. Geschafft, trocken, still und glücklich schlafe ich nach kurzer Zeit ein.


Der eine bissig, der andere nackt – Siebter Tag (4.8.17):

Die Uhr schlägt 7 und ich stehe nach einer ruhigen, aber tropisch warmen Nacht auf, die ich bei halb offenem Schlafsack und Zelt verbracht habe. Nach zügigem Einpacken schreite ich frohen Mutes ins nächste Tal hinein, in dem Wissen, dass ich heute Abend an der Stelle übernachten werde, die ich ursprünglich auch für die siebente Nacht vorgesehen hatte. Somit werde ich den Zeitverlust durch das Warten aufs neue Zelt wieder aufgeholt haben. Super! 🙂

Zunächst führt mich meine Route durch das Tal der Breg, die selbst eine der zwei Zuflüsse der Donau ist. Unweit meines Pfades verläuft auch eine für Europa bedeutsame Wasserscheide, deren Wasserläufe westseitig in die Nordsee und ostseitig ins Schwarze Meer münden.

Es geht stetig bergab und die Wege zeigen sich nun weniger wandererfreundlich. Dort wo Wege sein sollen, sind keine, und ich muss ein kurzes Stück auf einer Landstraße laufen. Die Behandlung meiner Blasen bewährt sich hier – ich bewältige Kilometer für Kilometer ohne nennenswerte Schmerzen.

Meine Route führt mich Richtung Furtwangen im Schwarzwald, die sich selbst als die höchst gelegene Stadt Baden-Württembergs bezeichnet. Noch vor der Stadt werde ich auf einem Feldweg auf ein Schild aufmerksam, das vor einem bissigen Hund warnt, der sich auf dem angrenzenden Grundstück befinden soll. Bisher hatte ich keine Probleme mit Hunden und die meisten Besitzer nehmen ihre Verantwortung ernst, dass es möglichst zu keinen Auseinandersetzungen kommen kann. Also warum sollte es diesmal anders sein?

Dass es leider auch Ausnahmen von jeder Regel gibt, erfahre ich, als ich etwa auf der Höhe des nicht umzäunten Wohnhauses angekommen war. Ein Hund – nicht sehr groß, aber schnell und bissig – rennt bellend auf mich in vollem Tempo zu und ich  – erschrocken – kann nicht anders als sein Verhalten als Angriff zu interpretieren. Ich versuche, ihn mit meinen Wanderstöcken abzuhalten, in die er wie eine Furie in voller Angriffslaune hinein beißt und mit ihnen ringt, als wären sie selbst wilde Tiere und würden ihm sein Revier streitig machen. Offensichtlich bemerkt er wenige Sekunden später, dass meine Wanderstöcke und ich keine bösen Absichten habe und sowieso an seinem Revier vorbeigehen. Ich blicke auf zu seinem Besitzer, in der Hoffnung, dass ich sehe, wie er zum Beispiel seine Bestie zurückruft oder zumindest mir eine entschuldigende Geste zukommen lässt. Leider ist er viel zu sehr damit beschäftigt, seine Regenrinne mit dem Winkelschleifer zu bearbeiten und erlangt keinerlei Kenntnis von den Ereignissen, die sich gerade abgespielt haben. Der Hund lässt schließlich ab und bellt mir noch einige Zeit hinterher. Nach ausreichendem Sicherheitsabstand beruhigt sich auch wieder mein Pulsschlag…

…dabei habe ich noch nicht mal gefrühstückt! Jetzt will ich das aber in Furtwangen nachholen und schöpfe mir aus der Breg frisches Wasser, bevor ich mich in Richtung Stadtmitte aufmache, um mich dort beim Bäcker an einem Laugeneck mit Camembert und Weintrauben sowie einem Buttercroissant zu laben. In der benachbarten Drogerie kaufe ich mir eine Tube Hirschtalg-Salbe für meine geschundenen Füße, Pflaster, Kinesio-Tape und vegetarische Gummibärchen, die, wie jeder weiß, nicht in den Magen wandern, sondern direkt ins Herz. Die Uhr schlägt halb zwölf und ich verzichte auf ein zusätzliches Mittagessen. Stattdessen verschwinde ich schnellstmöglich aus der Stadtmitte, die zu viel von allem hat: Häuser, Autos, Lärm, Abgase, Menschen und harte Straßen.

Ich laufe in Richtung Neueck und komme auf eine schmale asphaltierte Waldstraße, die kaum von Autos befahren wird und entdecke dabei, dass ich bereits von hier den Feldberg am Horizont sehen kann, obwohl dieser noch zwei Tagesmärsche entfernt liegt. Meine Euphorie trübt sich, als ich am Straßenrand Bierflaschen und Felgenreiniger entdecke, die da offenbar von einem dummen Menschen hinterlassen wurden. Die durch die Wolken durchbrechende und in mein Gesicht scheinende Sonne trägt aber schnell wieder dazu bei, dass ich mich wieder sehr glücklich fühle.

In Gütenbach, dem nächsten Dorf, in dem mich eine junge Frau freundlich begrüßt, leitet mich meine Route in Richtung der sog. Teichschlucht, auf die ich bereits mehrfach durch Ausschilderungen aufmerksam wurde und eine Sehenswürdigkeit zu sein scheint, und das ist sie in der Tat, wie ich einige Meter tiefer erfreut feststelle. Der Teichbach schlängelt sich hier durch eine tiefe Schlucht zwischen Felsen und Bäumen entlang und mein Pfad führt im Zick-Zack am Flusslauf entlang, mal rechts, mal links. Ich genieße die Ruhe, die nur vom Plätschern des Wassers durchbrochen wird. Keine Touristen, viele Fotos! Was für ein Spaß! Erst als sich die Baumkronen lichten und ich im Tal der Wilden Gutach angekommen bin, komme ich einer kleinen Gruppe von Rentnern entgegen, die diesen Pfad in der anderen Richtung zu bewältigen versuchen.

Ich blicke gen Westen und sehe den nächsten Bergkamm, den ich heute erklimmen möchte. Vorbei an kleinen Höfen und Riesenpilzen, schlängelt sich der Zweitälersteig steil und lang meinem nächsten Camp entgegen. Mit kleinen Schritten und voller Vorfreude steige ich die 500 Höhenmeter und 7 Kilometer hinauf, um meine Tour mit einer weiteren Sehenswürdigkeit zu versüßen: Dem Zweribach-Wasserfall. Über mehrere Läufe fällt der Wasserfall an einem steilen Abhang in die Tiefe. Die Speicherkarte meiner Kamera füllt sich und meine Trinkblase wird leerer, die ich just an einer geeigneten Stelle wieder auffülle. Während meine Blicke durch die schöne Umgebung streifen, entdecke ich ein älteres Ehepaar, dass einer wohl eher selten anzutreffenden Beschäftigung nachzugehen scheint. Folgende Szenerie zeigt sich mir: Ein Mann – etwa 60-jährig und nackt – steht im Wasserfall und lässt das kalte Wasser des Zweribachs über seinen trainierten und braungebräunten Körper fließen, während seine in etwa gleichaltrige Frau dabei ist, seine Posen zu fotografieren. „Was es für Hobbys gibt“, denke ich mir und setze meinen Weg fort, schaue aber immer wieder zurück, um zu erkennen oder zu verstehen, welche Geschichte sich hinter diesem Pärchen verbirgt. Einige Meter weiter holen mich beide ein und ich kann mich nicht mehr zurückhalten: Ich frage vorsichtig und versuche, dabei nicht vorwurfsvoll oder empört zu klingen, sondern tolerant und interessiert. Wie sich herausstellt, betreiben beide dies als Hobby und der Mann wird nicht müde zu betonen, dass das Wasser so angenehm und erfrischend sei. Wir quatschen noch ein paar Minuten über einen nahegelegenen See, der auch ganz toll sein soll und auch über das Ziel meiner Reise. Wenig später trennen sich unsere Wege und durch ein Schild, auf dem der Tod einer Mutter beklagt wird, die 2003 hier abgestürzt ist, komme ich schnell wieder sprichwörtlich und buchstäblich auf den Boden der Tatsachen zurück.

Die Uhr schlägt 5 und mein Magen meldet sich. Noch einige hundert Meter, dann erreiche ich mein siebentes Ess- und Schlafquartier. Mittlerweile bin ich wieder auf 1.000 m ü. NN unterwegs und entdecke neben „meiner“ Wiese zwei Holzhäuschen, die an zwei Familien vermietet zu sein scheinen. Ich frage vorsichtig nach der Erlaubnis, mein Zelt auf der Wiese aufzustellen, erfahre aber, dass sie das nicht bestimmen können, sondern der Förster hier das Sagen hätte. Er sei heute auch schon zwei Mal da gewesen. „Gut, dann warte ich hier auf den Holzbänken und esse zu Abend. Vielleicht kommt der Förster ein drittes Mal und dann könne ich ihn ja um Erlaubnis fragen.“ Auch nach meinem Festschmaus ist kein Förster zu sehen und zudem überkommt mich die Müdigkeit. Ich will nur noch schlafen!

Also wasche ich mich und verkrieche mich in mein Zelt. Ich vernehme noch einige Zeit die Gespräche der Hüttenbesitzer. Währenddessen lasse ich den Tag Revue passieren, schreibe noch ein paar Zeilen am Reisebericht und freue mich dabei über meine heutige Leistung und das Erlebte. Später falle ich in einen tiefen und ruhigen Schlaf…


Spuren von Freud´ und Leid – Achter Tag (5.8.17):

Der Wald ist mein Wecker, und so wache ich um 7:00 Uhr aus einer ruhigen und erholsamen Nacht auf. Das beim morgendlichen Toilettengang durch Nesseln verursachte Brennen an meinen unbekleideten Unterschenkeln tut sein Übriges, mir das letzte Quäntchen Müdigkeit auszutreiben.

8:20 Uhr setzt sich mein Beinwerk in Gang. Die 2 Quadratmeter plattgedrückte Wiese, die ich zurücklasse, sehen aus wie ein übergroßer Stempel ohne Inschrift und fühlt sich so an, als hätte ich für die Nachwelt eine hölzerne Parkbank mit meinem Messer graviert. Aber zum Glück wird meine Spur im Gras nicht lange zu sehen sein. In meiner Erinnerung kommt stattdessen eine dauerhafte Markierung hinzu:

„Maik war hier, 5.8.17“

Es geht bergauf und ich spüre meine linke Blase wieder stärker und während ich die einsamen Wege genieße, überlege ich, wie ich die Gegenmaßnahmen noch weiter verbessern kann, versuche aber, erst einmal mit dem Vorhandenen zurecht zu kommen.

Um kurz vor 10 Uhr starte ich ein anderes Wagnis, über dessen möglichst geschickte Ausführung ich schon seit Tagen grüble, es sich aber nun nicht länger aufschieben lässt. Selbst in meinen handgeschriebenen Notizen wird dessen Bedeutung  mit dem Titel „Wagnis Rührei“ deutlich. Die Herausforderung besteht darin, mir mit meiner kleinen Camping-Küche ein reichhaltiges Frühstück aus Rührei zu kochen. Entgegen meiner Frühstücksalternativen, die ich in den letzten Tagen aufgebraucht habe, benötige ich für das Rührei Kochtopf UND Pfanne. Leider ist meine Pfanne viel kleiner als der Topf und hinzu kommt, dass ich nur eine Flamme habe, auf dem ich Topf ODER Pfanne erhitzen kann. Damit eine ausreichende Menge zustande kommt, möchte ich mehrere kleine Portionen Rührei erst im Topf vermengen und dann in der Pfanne braten. Bei dieser Sternekoch- reifen Aktion gehen wesentliche Teile des Rühreis über Bord. So verbleibt ein kläglicher Rest, den ich hungrig vertilge. Während ich über den unerwartet guten Geschmack staune, blicke ich beschämt auf das Rührei, das nun auf Schwarzwaldboden liegt und sicher der lokalen Fauna als seltenes Festmahl dienen wird, sobald ich mich ungesehen vom Acker gemacht haben werde.

Es geht bergab und ich nähere mich dem Dreisamtal vor Freiburg, das sich vor meinen Augen auffaltet. Im Hintergrund erkenne ich die Silhouette der Hochvogesen. Kein Foto kann das Gefühl ersetzen!

Freud´ und Leid liegen eng beisammen – das bestätigt sich wieder, als ich wenig später merke, dass ich kein Klopapier mehr habe. „Eine Kuh müsste man sein“, denke ich mir und blicke fasziniert auf die imposanten Tiere, die unweit des Weges ihre gefleckten Körper in der Sonne wiegen.

Mein Weg führt mich auf schmalen Pfaden und landwirtschaftlichen Wegen talwärts. Auf dem „Versperbänkle“ bei der Burgruine Wiesneck halte ich Rast, Dabei gönne ich meinen Füßen einige Minuten schuhfreie Zeit und frische Luft. Dies mache ich in den letzten Tagen öfter. Meine Füße danken es mir mit fast grenzenloser Ausdauer. Dabei kann ich auch den Dreck, der sich mit den Kilometern in meinen Socken und Einlegesohlen sammelt, loswerden.

Bei einem Waldorf-Kindergarten steige ich zum Wagensteinbach hinab und tanke mir heute zum letzten Mal frisches Wasser. Ein großer Teil davon füllt auch gleich meinen Magen, da ich schon seit einigen Stunden keine Wasserstelle mehr angetroffen habe.

Die letzten Kilometer zum Campingplatz Kirchzarten laufe ich auf Asphalt und beäuge die Fahrräder der vielen Fahrradfahrer, die mich überholen. Mehr Sorgen machen mir jedoch die dunklen Wolken, die sich über mir herumtreiben. Bis jetzt hat jedoch kein Regentropfen den Boden erreicht.

Ich durchquere Burg-Höfen und erinnere mich, dass ich Anfang des Jahres hier an einer Schulung über Bosch Elektroantriebe für Fahrräder teilgenommen habe.

Um 14:30 Uhr komme ich am Campingplatz Kirchzarten an, wo mich – wie verabredet – meine Schwester empfängt. Sie hatte sich für eine Mitreise per pedes angemeldet und ich freue mich, dass wir den Aufsteig zum Feldberg gemeinsam bewältigen wollen. Nachdem alle Formalitäten für die Übernachtung erledigt sind, unser Zeltplatz von Autos und Gras befreit ist, checken wir unser Equipment und tragen Dinge zusammen, die wir für die nächsten zwei Tage benötigen. Sehr glücklich nehme ich auch mein Lunchpaket für die nächsten Tage entgegen, das ich meiner Schwester vorausgeschickt hatte. Mein Rucksack gewinnt so wieder deutlich an Inhalt und Gewicht und ich an Sicherheit, nicht zu verhungern. 🙂

Abends gehen wir noch einkaufen; können Himbeeren, Schwamm, Löffel und Zahnbürste in unseren Einkaufsbeutel stecken, gehen aber bei der Suche nach einem Handwaschlappen leider leer aus. Zu meinem Bedauern gelingt es uns auch nicht, kleine Gaskartuschen zu besorgen, die ich eigentlich dringend brauche. So werden die nächsten Tage ein Spiel mit Risiko!

Verlassen kann ich mich auf die Waschmaschinen und Trockner auf dem Campingplatz. Nach kurzem trial-and-error-Verfahren haben wir auch die Bedienung dieser Geräte verstanden und können sogar das neu Gelernte an eine ahnungslose, aber das Neue dankend annehmende Mutter weitergeben, die offensichtlich für die Wäsche ihrer campenden Familie verantwortlich ist oder sich zumindest verantwortlich fühlt.

Mit letzter Kraft gibt der Trockner meine vormals schweißdurchtränkte Wäsche wieder frei und während meine Nase nicht noch tiefer in diese weiche und gut riechende Herrlichkeit hineinsinken kann, wähne ich mich für einen kurzen Augenblick in meinem eigenen Bett mit frisch gewaschener Bettwäsche. Himmlisch! Jetzt noch Duschen und es braucht nichts mehr zum vollendeten Wohlfühlglück.

Vom frühabendlichen Spaßprogramm für Kinder, das am frühen Abend durch den Campingplatz zieht, bekomme ich nicht mehr allzu viel mit. Viel zu sehr kreisen meine Gedanken um das Packkonzept meines Rucksacks, die morgige Route, das zu Neige gehende Campinggas und die angekündigten Niederschläge.

Noch überwiegt jedoch die Freude über das bisher Geschaffte, die vor uns liegenden Ziele und über das, wovon wir jetzt noch gar nichts wissen.

Gute Nacht!


Zwei wollen hoch hinaus – Neunter Tag (6.8.17):

Regen?

Ich ziehe die Stöpsel aus meinen Ohren und vernehme das Prasseln des Regens auf der Außenhaut unserer Zelte.

Regen!

Kurzer Check…

…bei mir ist alles dicht! Meine Schwester, die 2 Meter von mir entfernt in ihrem Zelt liegt, hat auf meine besorgte Nachfrage weniger positive Neuigkeiten. Bei ihr dringt Wasser ins Zelt ein. So ein Mist! Glücklicherweise sind es aber keine großen Mengen, sodass wir in unseren Zelten warten können, bis der Regen nachlässt.

In der Zwischenzeit konnte ich in dem kleinen Laden des Campingplatzes einen Poncho für meine Schwester, Wischlappen für die Zelte und für uns beide ein kleines Frust-Frühstück in Form von Schokocroissant und Kürbiskernbrötchen kaufen.

Nachdem wir uns gestärkt,  die Zelte abgewischt und unsere Rucksäcke gepackt haben, setzen sich um 9:45 Uhr unsere Wanderschuhe kraftvoll in Gang – bereit, den Feldberg zu erklimmen.

Der Regen hat aufgehört, es herrschen 17° C und noch bevor wir die Stadtgrenze hinter uns lassen, gibt uns eine Frau noch Tipps fürs Dehnen von wandergeplagten Füßen. Sie bestätigt meine fragend an sie gerichtete Vermutung, dass sie sich beruflich mit diesem Thema befasst und kurz darauf ziehen wir dankend und erquickt von dannen.

Wir laufen auf wunderschönen Wanderwegen und unsere Beine bewältigen die ersten 700 Höhenmeter zum 1.198 m hohen Hinterwaldkopf ohne Schwierigkeiten. Am Gipfeldenkmal des Freiburger Turnvereins, das zu Ehren der in den Weltkriegen gefallenen Mitgliedern aufgestellt wurde, machen wir bei der sich bereits eingefundenen Wanderergesellschaft eine kurze Pause. Von hier lässt sich der weitere Pfad zum Feldberg erahnen und stolz blicken wir zurück ins Dreisamtal, das wir erst vor 2,5 Stunden hinter uns gelassen haben.

Über Wiesen und schmale Wanderpfade geht es teilweise äußerst steil weiter Richtung höchster Erhebung im größten Mittelgebirge Deutschlands. Wir teilen unsere Kräfte sehr gut ein und kommen weiter gut voran.

Wir treffen auf freilaufende Kühe, die keinen Zweifel daran lassen, dass wir Ihnen völlig gleichgültig sind. Erst als sich meine Schwester einer von ihnen nähert, um sie zu streicheln, nimmt diese Reißaus.

Die Wolken lösen sich auf und die Temperatur steigt. Wir halten oft kurz an und genießen wieder und wieder die atemberaubende Rundumsicht in die Ferne, die ich auch versuche, mit der Kamera einzufangen.

Am Wanderparkplatz Rinken gelangen wir unter den Blicken der offenbar überwiegend motorisiert angekommenen Anwesenden an einen Brunnen und ich nutze die Gelegenheit, um meinen Wasservorrat wieder aufzufüllen. Es sind jetzt nur noch wenige Meter bis zum Gipfel des Feldberges.

Dass wir heute einen super Tag erwischt haben, stellen wir auch fest, als wir auf dem 1.493 m hohen Gipfel ankommen und anhand der Hinweisschilder erfahren, dass es an 2 von 3 Tagen im Jahr auf dem Feldberg Niederschlag gibt. Heute scheint die Sonne in unsere freudestrahlenden Gesichter und Regen ist weit und breit nicht zu sehen. Bei 20° C blicken wir in alle Himmelsrichtungen und erblicken überall sehenswerte Formen und Farben, egal ob Nordschwarzwald, Vogesen, Schwäbische Alb oder die Alpen. Jedes Motiv lädt zum intimen Verweilen ein und eignet sich hervorragend dazu, sämtlichem Stress einen neuen Maßstab zu verpassen, sich der Präsenz des Positiven sowie der eigenen Kraft wieder bewusst zu werden und mit neuem Mut und Tatendrang alle vor einem liegenden Herausforderungen anzupacken.

Eine gute Stunde und viele Fotos später, steigen wir erholt in glücklicher Gemütsverfassung in Richtung Skihang hinab und beobachten aus der Ferne drei schwarze Hunde, die auf unserem Pfad frei herumzulaufen scheinen. Weiter unten stellt sich heraus, dass diese Tiere Schäferhunde sind und versuchen, eine große Herde von Schafen und Ziegen im Zaum zu halten – alles unter den wachsamen, aber entspannten Augen des urig-alten, vollbärtigen Schäfers, der für mich den Eindruck erweckt, als hätte er auf seinem Gipfel im Hochschwarzwald von der Hektik im Tal seit Jahren nichts mehr mitbekommen. Ihn stört es offenbar auch nicht, dass meine Schwester und ich mitten durch seine Herde laufen (müssen), was uns zu meiner Überraschung viel Freude bereitet.

Die Sonne neigt sich bereits gen Westen und als wir den Ort Feldberg rechts liegen lassen und zum schönen Feldsee absteigen, verdunkelt uns zusätzlich das Feldbergmassiv den weiteren Weg zum Nachtlager. Wir laufen noch zwei Kilometer weiter, vorbei an Wiesenflächen, die für unsere Zelte wie gemacht scheinen. Jedoch entscheiden wir uns gegen ein Übertreten der Drahtzäune und suchen weiter nach einer frei zugänglichen Stelle, an der wir idealerweise die Nacht ohne nicht willkommene Besucher verbringen können.

Später finden wir eine Stelle, die für unser nächtliches Quartier geeignet scheint. Es gibt einen halb zugewachsenen Weg, einen nahegelegenen Bach und eine Parkbank. Was will man mehr? Wir schlagen bei anbrechender Dunkelheit unsere Zeltnägel mit Steinen in den verdichteten Wegesrand und statten das undichte Zelt meiner Schwester zusätzlich mit meinem riesigen Poncho aus, der sie vor einem erneuten Wassereinbruch bewahren soll.

Vorm Schlafengehen bereiten wir uns mit meinem restlichen Gas das Abendessen zu. Während wir genüsslich Milchreis als Nachtisch schlabbern, sinnieren wir über die heutigen Erlebnisse und den als vollen Erfolg empfundenen Verlauf der bisherigen Tour, während nebenan der Bach mit seinem monotonen Rauschen dem Abend die richtige Begleitmusik verleiht.

Die Temperatur in diesem Tal fällt dann doch recht zügig stark ab und bevor wir gewaschen in unsere Kojen kriechen, biete ich meiner Schwester meinen Schlafsack an, der auch bei tieferen Temperaturen genügend Körperwärme reflektiert. Meine Kälteempfindlichkeit ist vor allem physiologisch bedingt weniger stark ausgeprägt, sodass mir in dieser Nacht der Sommerschlafsack meiner Schwester vollkommen ausreicht.

Wir sehen uns morgen…Gute Nacht!


Into the wild – Zehnter Tag (7.8.17):

Langsam kann ich mich ans wilde Übernachten im Zelt gewöhnen. Auch gestern Abend dauerte es nicht lang, bis ich eingeschlafen war, weil ich mittlerweile nicht mehr bei jedem leisen Geräusch oder dem eigenen Herzklopfen denke, dass sich des Nachts ein wildes Tier oder Mensch in unmittelbarer Nähe umher treibt. Ich habe sogar festgestellt, dass ich ohne Ohrstöpsel ruhiger schlafe. Nur ein Mal musste ich in der letzten Nacht das Zeltinnere verlassen – blasenbedingt.

6:30 Uhr, ich bin wach! Ich taste mich ab, und aus meinen kalten Fußspitzen schlussfolgere ich, dass meine Schwester eine angenehm warme Nacht gehabt haben muss, was sie mir auch bestätigt, als sich der Reißverschluss ihres Zeltes ein wenig öffnet und sie ihren Kopf samt zerzauster Mähne hinausstreckt.

Uns ist kalt und wir versuchen, die ersten Sonnenstrahlen des Tages, die sich durch die Baumkronen einen Weg in das enge Tal bahnen, einzufangen. An der gleichen Stelle hängen wir unsere Zelte und Schlafsäcke auf, um alles auszulüften und von Morgentau zu befreien.

Derweil pumpe und filtere ich wieder ein paar Liter Trinkwasser, um das Frühstück in Gang zu bringen, das wir daraufhin in Form von Müsli zu uns nehmen.

Um halb zehn schnallen wir unsere Rucksäcke auf und laufen bei leicht abfallender Wegführung in Richtung Titisee. Unterdessen nehmen wir die sich steigernde Präsenz von Dingen wahr, die typischerweise mit Ballungsräumen und touristischen Attraktionen hergehen, wie Autos, Fahrradfahrer, Wanderer, sprich: Menschen!

7 Kilometer haben unsere Beine hinter sich gebracht und nun erblicken unsere Augen bei wolkenlosem Himmel das Glitzern der reflektierten Sonnenstrahlen im Titisee, eingerahmt von Hirschbühl, Bruderhalden- und Heizmannshöhe.

Im Ort, der den Namen des Sees oder umgekehrt geerbt hat, fühlen wir uns mit dem Schwall an Touristen, deren Herkünfte unterschiedlicher nicht sein können, überfordert.

Okay, ich gebe es zu: Es sind zum überwiegenden Teil Menschen aus Asien oder mit asiatischer Abstammung, deren Hang zur Fotografie schon längst Weltkulturerbe sein sollte.

Wir haben Mühe, uns durch die Trauben von Menschen einen Weg zu bahnen und können ihnen letztendlich eine Parkbank abringen, auf der ich den Kocher auspacke, um unser Mittagsmahl vorzubereiten. Mit den vorbeilaufenden Menschen ernten wir mal wieder die ganze Palette menschlicher Empathie – von neidvollem Staunen bis zu bemitleidendem Zücken der Brieftasche. Gut, ich übertreibe wieder…

Genau um 14.08 Uhr setzt sich der Zug, der meine Schwester zurück nach Freiburg bringt, in Gang. Das Eis, das wir zuvor in vollen Zügen verdient genießen, krönt symbolisch unser gemeinsames 2-tägiges Wanderabenteuer. Wir konstatieren uns gegenseitig unsere Freude an diesem Kurztrip und gehen nicht auseinander, bevor wir uns nicht schwören, zu einem späteren Zeitpunkt wieder einmal etwas zusammen zu unternehmen. Vier Essensrationen, die bereits zu diesem Zeitpunkt im Rucksack meiner Schwester stecken und den Heimweg per Bahn antreten, brauche ich für den Rest meiner Wanderung nicht, sodass ich den vor mir liegenden Hochfirst (1.190 m) mit einem Kilogramm weniger besteigen kann.

Der breite und harte Weg macht mir den Aufstieg von 300 Höhenmetern auf 3,5 Kilometer nicht leicht und während kleiner Atempausen drehe ich mich zurück zum Titisee, prüfe die Foto-Tauglichkeit der Aussicht, trinke einen oder sieben Schluck Wasser und komme so Meter für Meter voran. Oben auf dem Gipfel sauge ich die Aussicht auf den wunderschönen See und den am Horizont erkennbaren Feldberg in mich auf und denke daran, dass ich auf dessen noch 300 Meter höheren Gipfel erst vor zwei Tagen stand.

Ich laufe nach Südosten, 500 Höhenmeter und zweieinhalb Stunden bergab und der nächsten Sehenswürdigkeit entgegen, auf die ich mich schon seit meinen ersten Schritten freue.

In Kappel lege ich eine kleine Pause ein, tanke Wasser nach und beobachte das dörfliche Treiben. Weiter geht´s!

Wieder eine halbe Stunde später und plötzlich recken sich meine Mundwinkel gen Ohren. Ich blicke mich um und ich weiß, ich bin in der Wutachschlucht angekommen. Was für ein enges tiefes und uriges Tal sich hier vor mir auftut. Mein Herz springt vor Freude!

Zunächst fehlt mir jedoch kurz die Orientierung und ich muss erst mit meinem Schuh in tiefem Morast versinken, bis ich merke, dass ich an dieser Stelle nicht weiterkomme. Die Uhr zeigt schon 18 Uhr und ich möchte nach 24 gelaufenen Kilometern bald mein Nachtlager aufschlagen. In der Schlucht selbst ist kein Platz und zu viel Wasser fürs Zeltaufschlagen, also tapse ich an der gegenüberliegenden Flanke wieder bergauf und suche im nahegelegenen Wald die Stelle, die ich bei der Planung am heimischen Computer als theoretisch mögliche Schlafstelle ausgemacht habe.

Bis ich den verwachsenen Waldpfad und die dahinterliegende Freifläche oberhalb der Schlucht erkundet habe, vergehen noch einige Minuten. Schlussendlich sieht diese Stelle jedoch für mich ideal aus und ich schlage – schon hungrig – inmitten der Wiese Zelt und Solarzelle auf. Als ich alle Schlafvorbereitungen getroffen habe, zünde ich auf einem benachbarten Baumstumpf den Kocher an und während ich bei einbrechendem Abend das Gemüse Jambalaya schlürfe, lausche ich der Ruhe, die nur vom halbstündlichen Durchrasseln von Zügen auf der gegenüberliegenden Seite der Schlucht unterbrochen wird. „Hoffentlich fahren nachts keine Bahnen mehr“, denke ich bei mir, als ich nach wäscheleinentauglichen Bäumen Ausschau halte.

Ich prüfe die Akkus der UV-Flasche, meines Navis und der Kamera und versuche mit meiner kleinen Solarzelle den letzten Sonnenstrahlen noch ein wenig Energie abzuringen.

Mit leiser Musik untermale ich meine letzten Aufgaben an diesem Abend: Fußpflege und Niederschreiben der heutigen Erlebnisse und Eindrücke.

Schlaf´gut, Maik!


Nachtgespenst mit Happy-End – Elfter Tag (8.8.17):

Außerhalb vom Zelt ist etwas!

Es ist stockfinster und ich werde aus dem Schlaf gerissen. Flachatmig richte ich langsam meinen Oberkörper bis auf die Ellenbogen auf und lausche.

Es vergehen einige Sekunden und…

…da ist es wieder! Ein Geräusch, das erst kaum hörbar und dann ganz schnell lauter wird. So laut, dass der Verursacher nicht mehr als einen halben Meter an mir vorbei galoppiert, beim nächsten Anlauf aber stehen zu bleiben scheint, als würde er auf eine Reaktion oder ein Geräusch von mir warten, was ich unter adrenalingetränkter Anspannung versuche, tunlichst zu vermeiden. Jeder neue Anlauf dieses Tiers festigt meine Gewissheit der physischen Unterlegenheit. Dass ich mich zudem in liegender Position auf Höhe des Waldbodens befinde und die Vibrationen des Galopps mir in Mark und Bein dringen, tragen ihr Übriges zu dieser schaurig-schönen Achterbahn bei.

3 Stunden später vertreibt das erste Sonnenlicht, das sich westwärts um den Erdball bricht, die Nachtgeister vollständig, und es kehrt endlich erlösende Ruhe ein.

Um 7 Uhr öffne ich den Reißverschluss des Zeltes und stecke meinen Kopf hinaus. Die dicken Wolken, die sich über meinem Kopf aufgestaut haben, verheißen einen niederschlagsreichen Tag.

Vom Genuss des Müsli-Frühstücks kann keine Rede sein, als ich es mir in meinen hungrigen Schlund schiebe, um schnellstmöglich wieder auf den Beinen und weit entfernt von diesem Ort und den nächtlichen Geschehnissen zu sein, die sich zum emotionalen Highlight meines gesamten Trips zu mausern scheinen.

Ich steige in froher Erwartung auf eine einmalige Landschaft in die Wutachschlucht hinab und blicke auf mein Navigationsgerät, um mich des richtigen Weges zu vergewissern. Dabei stelle ich erschrocken fest, dass der Akku über Nacht nicht aufgeladen wurde, was er eigentlich hätte tun sollen. Oh je…, muss ich jetzt doch meinen nur unzureichend ausgeprägten Orientierungsfähigkeiten vertrauen?

Ich nutze die restliche Energie im Akku des Navis, um mir einen Überblick auf die gesamte Tagesetappe, die zu laufende Himmelsrichtung und die nächste Stadt zu verschaffen. Mit diesen Informationen wähne ich mich sicher genug, den Tagesmarsch auch ohne digitale Unterstützung zu bewältigen.

Im Grunde genommen habe ich damit Glück im Unglück, denn hier in der Schlucht geht es sowieso nur in zwei Richtungen: Flussabwärts oder flussaufwärts, und da der Schwarzwald hinter mir liegt und ich in die Rheinebene laufe, muss ich dem Fluss Wutach „einfach“ nur bergab folgen und so werde ich mein Ziel schon irgendwann erreichen!

Schon nach wenigen Metern wird mir klar, warum die Wutachschlucht eines der beliebtesten Ziele für abenteuerlustige Fußgänger ist: Der Fluss hat sich über die Jahrtausende tief und eng in das Gestein gegraben, sodass rechts und links von ihm, Bäume und Steine hoch und äußerst steil aufragen. Zudem existieren nahezu keine Zugänge, die mit Fahrzeugen befahren werden können. Selbst zu Fuß ist es eine echte Herausforderung, durch oder über die vom Wasser ausgewaschenen seitlichen Zuflüsse zu balancieren. Bäume, die sich mit ihren Wurzeln nicht mehr in dem steilen Hang halten können, fallen über die schmalen Wanderwege in den Fluss und sind – wenn man Glück hat – im Bereich des Pfades mit der Kettensäge ausgeschnitten. Auch kleine und große Steine, die sich aufgrund niederschlagsreicher Zeiten aus den Hängen lösen, rollen in Richtung Tal und steigern den Schwierigkeitsgrad des Weges ebenfalls immens. Unaufhaltsam und davon unbeeindruckt, gräbt sich die Wutach immer tiefer ins Gestein, getrieben vom stetigen Gefälle, über- oder umspült sie alles, was in ihren Flusslauf fällt. Es passiert jährlich, dass sich Schlammlawinen aus der rechten oder linken Flanke lösen und die Gestalt der Wutachschlucht verändern. Das macht sie so urig, so naturbelassen, so wunderschön! Mehr als ein Mal habe ich das Gefühl, in Kanadas Wäldern unterwegs zu sein, auch weil ich dieses „sich-selbst-überlassen“, wie es hier praktiziert wird, nur äußerst selten in deutschen Wäldern antreffe.

Nach einigen Kilometern und unzähligen neuen Fotos auf meiner Speicherkarte, treffe ich auf immer mehr Menschen, die sich trotz des beginnenden Regens hier tummeln. Zur Mittagszeit mache ich an einem größeren Platz halt, auf dessen Holzbänken sich schon einige Wandergruppen verschiedenen Alters versammelt haben, um die Wutachschlucht flussauf- oder flussabwärts hinter sich zu bringen.

Ich scheitere kläglich dabei, mir mit meinem restlichen Gas Nudeln zuzubereiten. Die Gaspatrone wird leer, noch bevor das Wasser kocht und so sind die Nudeln nur lauwarm und äußerst al dente. Na toll…

An einer sehr flachen Stelle des Flusses, die sich auch vom Weg aus gut  erreichen lässt, filtere ich mir Trinkwasser, das ich sogleich in meine Trinkblase einfülle.

Dies bleibt nicht unbeobachtet und so spricht mich eine junge Frau an, die mich bittet, auch ihre Trinkflasche mit gefiltertem Wasser aus der Wutach zu füllen. Während ich das Wasser aus dem Fluss zapfe, erkundige ich mich nach ihrem Namen und erfahre, dass sie Jöelle heißt, 22 Jahre alt ist und in Freiburg Sport studiert, obwohl sie ursprünglich aus Hamburg stammt.

Wir sprechen über unsere heutigen Wanderziele und stellen fest, dass wir beide in der gleichen Richtung unterwegs sind. Ich frage sie, ob sie etwas dagegen hat, wenn wir die nächsten Kilometer zusammen laufen. Jöelle stimmt zu, schwingt ihren aus meiner Sicht viel zu großen und schweren Rucksack mit einem eleganten Dreh auf ihren Rücken und stapft vor mir los. Ich hänge mich ran und so absolvieren wir die nächsten Kilometer des Weges gemeinsam. Während wir uns hintereinander an dem steilen Gestein und an den entgegenkommenden Wanderern vorbeiquetschen, erfahre ich, dass sie auf dem Weg zu ihren Großeltern ist, die sie am Bodensee mit ihrem Besuch überraschen möchte. „Da werden sie sich sicher freuen“, bestätige ich ihr und staune nicht schlecht, als sie laut darüber nachdenkt, anschließend weiter nach Barcelona zu laufen, wo eine Freundin von ihr wohnt.

Zu zweit verfliegen die Kilometer und wir erreichen bald Ewattingen, wo ich mein nächstes Nachtlager eingeplant habe. Jöelle möchte weiter nach Blumberg laufen und ich überlege, ob ich meinen Kurs ändere, um noch einige Zeit mit ihr unterwegs zu sein. Allerdings stecken mir bereits 20 Kilometer in den Beinen und ich habe auch kein Gas mehr für meinen Kocher und keine Energie für die Akkus meiner Geräte. Die Besorgung dieser essentiellen Dinge bringt mich schließlich dazu, mich von ihr zu verabschieden und ihr für ihre große Reise viel Glück zu wünschen.

Wieder allein unterwegs, mache ich mich daran, den Campingplatz zu finden, der sich etwa einen Kilometer entfernt und oberhalb der Wutachschlucht befinden soll. Als ich nach einigen anstrengenden Höhenmetern im Dorf angekommen bin, sehe ich vieles, aber keinen Campingplatz. Dass es mittlerweile regnet, vereinfacht die Suche in keinster Weise.

Ich frage einen Anwohner nach dem Campingplatz. Der nette Herr teilt mir mit, dass es bis vor 2 Jahren einen Campingplatz gegeben habe.

Scheiße!

Ich trete bereits erbost den Rückmarsch an, als ich von ihm noch den Tipp erhalte, an dem im Tal liegenden Kiosk nach einem Campingplatz zu fragen. Er hat gehört, dass es in der Nähe noch eine Übernachtungsmöglichkeit geben soll, weiß aber nicht genau, ob diese noch existiert und wo sie ist.

Meine Beine müssen einen weiteren Kilometer ertragen, den ich bis zum Kiosk hinter mir lasse. Dort angekommen, kaufe ich mir eine Karte und ein Frust-Eis. Nachdem ich die Karte studiert, das Eis genossen und gründlich über meine Möglichkeiten nachgedacht habe, frage ich die nette Dame im Kiosk nach einer in der Nähe befindlichen Übernachtungsmöglichkeit. Sie bejaht und beschreibt einen privaten Zeltplatz, der sich etwa einen Kilometer bergauf befindet. Dort würden auch Jugendgruppen hin und wieder campieren.

Ich bedanke mich und kämpfe mich daraufhin mit meinen letzten Kräften die Straße hinauf. Als ich nach dem Überschreiten einer mit Fladen übersähten Kuhwiese Zelte erspähe, ist meine Erleichterung sicher im Umkreis von einem Kilometer zu hören.

Nachdem ich an Kühen, Schafen, Zelten und einer kleinen weißen Kirche vorbeigegangen bin, erreiche ich endlich das Wohnhaus der augenscheinlichen Besitzer dieses Grundstückes. Ich klingle…

…und eine kleine, kräftige Frau mit lächelndem Gesicht und grauen Haaren öffnet mir die Tür. Ich schildere ihr meine Situation und sie attestiert mir, dass ich nicht der erste Gestrandete sei, den sie aufnehme und dass sie genau das hat, wonach ich auf der Suche bin, nämlich: Ein Stück Wiese fürs Zelt, eine warme Dusche, eine Steckdose und einen Wasserkocher für mein Abendessen.

Eine Stunde später: Das Zelt ist aufgebaut, ich bin geduscht und umgezogen, der Regen hat aufgehört, die Geräte hängen an der Steckdose und ich sitze mit einer großen, heißen Portion Nudeln Bolognese auf der Veranda meiner Gastgeber und bekomme mein in purer Freude und Dankbarkeit begründetes Grinsen nicht mehr aus dem Gesicht.

Ich bin im Himmel angekommen!


Englisch statt Schweizerdeutsch – Zwölfter Tag (9.8.17):

7 Uhr. Ein Schaf blökt. Maik ist wach!

„Das kann nur der gestern Abend noch so unschuldig drein schauende Schafbock von nebenan sein“, sage ich laut zu mir. Auch als ich schon zusammenpacke, lässt er keinen Zweifel an der Omnipräsenz seines Geltungsbedürfnisses.

Schnell kreisen meine Gedanken allerdings wieder um die heutigen Etappenziele. Dank vollen Akkus kann ich mich jetzt wieder von meinem Navigationsgerät führen lassen. Es zeigt mir den Weg Richtung Süden, weiter an der Wutach entlang, bis zur schweizerischen Grenze. Na dann!

Leider stelle ich später fest, dass mein Pfad zwar parallel zum Fluss verläuft, jedoch in so großem Abstand, dass ich aufgrund wilden Gestrüpps nicht viel vom Wasser sehe. Für das späte Frühstück, leere ich dann auch noch meine Wasserblase vollständig.

Die Schlucht wird allmählich zum Tal und die Höhenunterschiede werden gemäßigter. Auch die Wege werden breiter, sodass man auch gut zu zweit nebeneinander laufen kann. So machen es auch die zwei Frauen, denen ich bereits das zweite Mal begegne. Aus lauter Neugier komme ich nicht umhin, sie nach ihrem Ziel und Ausgangsort zu fragen. Sie, d.h. Mutter und Tochter, möchten den sog. Ostweg bewältigen, der sie von Pforzheim nach Schaffhausen führt. Ich erfahre auch, dass die Tochter die treibende Kraft und der Motivator dieses kühnen Unterfangens ist. Allein hätte die Mutter so etwas nie auf sich genommen, bekennt sie ganz bescheiden. Ihre zahlreichen Blasen an ihren Füßen seien auch schmerzhafte Zeugen ihrer vorsätzlichen Wanderabstinenz. Den auch deshalb verdienten Hotelaufenthalt am heutigen Abend in Stühlingen konnte die Mutter der Tochter dann aber doch abringen.

Gut möglich, dass ich mich täusche, aber wenn ich den beiden so zuhöre, klingt es danach, als ob beide mit diesem Trip mehr als nur die Kilometer zu bewältigen versuchen. Vielleicht eine familiäre Krise? Oder einen Schicksalsschlag, der sie jüngst ereilt hat? Gut möglich, dass sie auch einfach nur Spaß am Abenteuer haben oder die sportliche Herausforderung lieben.
Was auch immer es ist. So ein Fußmarsch heilt und befriedigt vieles! Zumindest verhilft er zu einem gesunden Perspektivenwechsel und tariert die Waage der eigenen Werte neu.

Genau das möchte ich auch für mich erreichen und obwohl ich die Gesellschaft von vernünftigen Menschen schätze und sogar das gleiche Wanderziel habe, wie die beiden Damen, lasse ich sie den Sinn ihrer Erfahrungen selbst finden und setze meinen Weg allein fort.

Nach unzähligen weiteren Schritten auf weichem Waldboden, der sich an seichten Hängen entlangschlängelt und plötzlich am Stühlinger Museumsbahnhof endet, stille ich von Schuhen und Socken befreit, meinen knurrenden Magen mit einer Portion Müsli. Müsli deshalb, weil ich keines der anderen Gerichte ohne kochendes Wasser zubereiten kann und mir dafür aber nach wie vor Gas für den Kocher fehlt. In Stühlingen will ich mir aber an jeder sich mir gebender Gelegenheit nach passenden Gaskartuschen Ausschau halten.

Am Ortseingang stürze ich enthusiastisch in die erste Tankstelle hinein. Leider bekomme ich dort aber kein Gas, ziehe aber mit einem Frust-Eis von dannen. Guter Kompromiss!
Wenige Meter weiter: Ein Baumarkt – meine nächste Chance! Kurz darauf wieder Enttäuschung: Hier gibt es zwar Gaskartuschen, aber nicht die, die ich verwenden kann. Mist! Wenigstens kann ich mir vom Mitarbeiter eine Wegbeschreibung holen, wie ich zu Fuß zum Campingplatz komme, wohin ich mich auch jetzt aufmache.

Dort komme ich gegen 14 Uhr an, studiere die Informationen am kleinen Empfangshäuschen und erfahre, dass die Besitzerin gerade nicht anwesend ist. Ich wähle die angegebene Handynummer, und eine offenbar ältere Frau erklärt mir am Telefon, dass sie in etwa einer Stunde da sein werde, ich aber schon einmal mein Zelt im Eingangsbereich neben dem Kinderspielplatz aufschlagen dürfe.

Wie zugesagt trifft die Campingplatzbesitzerin ein und wir klären das Finanzielle, einschließlich meinem Wunsch, Waschmaschine und Trockner zu nutzen, was mich weitere 5 Euro kostet.

Zuerst gönne ich mir eine warme Dusche und ziehe meine verbleibenden sauberen Sachen an. Alle übrigen durchgeschwitzten Kleidungsstücke übergebe ich daraufhin in die Obhut der Waschmaschine und lasse sie ihren Teil des Jobs erledigen. Ich nutze die freie Zeit, um mich in der Stadt um Abendessen zu bemühen und der Suche nach einer neuen Gaskartusche eine letzte Chance zu geben. Da ab 17 Uhr Regen angesagt ist, versuche ich, alles auf kurzem Wege zu besorgen und klappere nur die unmittelbar zu Fuß erreichbaren Geschäfte ab.

In einem Dönerladen lasse ich mir einen vegetarischen Döner zubereiten, den ich nach dem Verlassen des Ladens einem offensichtlich ebenfalls angereisten Handwerker auf Nachfrage seinerseits empfehlen darf.

Ich gebe die Suche nach einer Gaskartusche auf, nachdem ich wenig später weder in einem Werkzeuggeschäft, noch im Rewe fündig werde. Außerdem werde ich bereits morgen mein Ziel – den Rheinfall in Schaffhausen – erreichen. Bis dahin füttere ich mich mit Lebensmitteln, die keines kochenden Wassers bedürfen.

Im besagten Rewe-Markt finden dann doch noch ein Apfel, Nüsse und ein belegtes Brötchen den Weg in meinen Einkaufswagen und auf dem Rückweg zum Campingplatz, treffe ich wieder auf das Mutter-Tochter-Gespann, denen ich ebenfalls bei ihrer Suche nach Essbarem behilflich sein kann.

Wieder auf dem Campingplatz, nehme ich meine Wäsche aus der Waschmaschine, prüfe olfaktorisch ihren Restschweißlevel und drücke sie nach positivem Befund in den danebenstehenden Trockner.

Auf dem Rückweg zum Zelt bekomme ich mit, wie die offensichtlich nicht sehr gut Englisch sprechende Besitzerin und ein offensichtlich nicht sehr gut Deutsch sprechender Gast versuchen, die Geschäftsbedingungen für Übernachtungen fehlerfrei auszutauschen. Ich laufe ins Blickfeld der Besitzerin und mit verzweifelter Mine fragt sie mich, ob ich des Englischen mächtig bin, was ich mit einem „Ich kann´s ja mal versuchen“ bescheiden zugebe. Nach einem kurzen Übersetzungsintermezzo schließe ich die beiderseits vorhandenen Informations- und Verständnislücken. Ich biete dem mit dem Auto aus Spanien angereisten Gast Marcel an, dass er sich bei weiteren Fragen an mich wenden kann.

Als ich eine Stunde später meine Wäsche aus dem Trockner hole, treffe ich wieder auf Marcel, während er offensichtlich schon seit einiger Zeit mit den deutschen Beschriftungen auf den Geräten hadert. Auch hier kann ich ihm das Wesentliche ins Englische übersetzen, wofür er sehr dankbar ist.

Wenige Minuten später bin ich wieder an meinem Zelt, das bereits erfolgreich dem einsetzenden Regen trotzt. Ich verkrieche mich in meinem Schlafsack, ziehe alle vorhandenen Reißverschlüsse bis zum Anschlag zu und beobachte verträumt die kleinen und großen Regentropfen, die auf meinem Zeltdach aufschlagen und an dessen Seite herunterrollen.

Morgen starte ich auf die letzte Etappe meiner Reise.

Ich freue mich!


Dreizehnter Tag (10.8.17):

Der Klang von Regen lässt mich aus meinem ruhigen Schlaf erwachen. Ich prüfe sofort den Innenraum des Zeltes auf Undichtigkeiten, werde aber glücklicherweise nicht fündig. Gutes Zelt! Anschließend sehe ich mir die Vorhersagen für den heutigen Tag an und alle Dienste sind sich einig: Regen, Regen und noch mehr Regen! Schweiz bei Regen, ich komme!

8 Uhr. Ich packe zusammen und überlege, wie ich trotz der Nässe mein Sack und Pack trocken in den Rucksack bekomme. Nach kurzem Überlegen setze ich folgende Taktik in die Tat um: Neben meinem Zelt steht ein überdachter Sandkasten, den ich als Zwischenlager für meine Sachen verwende. Dort lege ich erst einmal alles ab, um mein Zelt grob abzuwischen und zusammenzurollen. Dann packe ich im Sandkasten meinen Rucksack, stülpe mir meinen Poncho über und starte in den Tag.

Direkt oberhalb des Hangs, der an dem Campingplatz angrenzt, verläuft die deutsch-schweizerische Grenze, der ich mich nun Schritt für Schritt nähere. Hier und da verhindern zugewachsene Pfade, dass ich die eigentlich geplante Route laufen kann. So verzögert sich mein unbemerkter Grenzübertritt um eine Stunde, den ich ohne Motivationsverlust in Kauf nehme, da der Poncho und die Schuhe hervorragende Arbeit leisten und meine Glieder trocken bleiben, obwohl es mittlerweile stark regnet. Schließlich spuckt mich der Weg oberhalb des Hangs auf einem Feldweg aus, der gleichzeitig die Landesgrenze darstellt, die man nicht als solche erkennen würde, wenn es einem das Navigationsgerät nicht mitteilen würde.

Die seichte Landschaft, die sich hier auf der Schweizer Seite vor mir auftut, ist das Klettgau, dessen Felder und kleine Waldstücke sich hier abwechselnd zeigen, beidseitig gesäumt von leichten Hügeln. In einem kleinen Waldstück komme ich kurz zum Stehen, als sich zwei Rehe in wenigen Metern Entfernung am Wegesrand den Bauch mit Gras vollschlagen. Wenige Sekunden später bemerken sie mich und nehmen Reißaus.

Ich wandere viele Kilometer auf Feldwegen entlang, zwischen Kohl und Sonnenblumen, als ich in der Ferne die beiden Damen von gestern und vorgestern an der Farbe ihrer Rucksäcke wiedererkenne. Einige Abzweigungen später verliere ich sie aus dem Blick.

Meine Nahrungsaufnahme beschränkt sich heute zunächst auf ein im Stehen zugenommenes Müsli, das ich mir unter dem Balkon einer geschlossenen Gaststätte im Örtchen Hohbrugg einverleibe. Auf ein Mittagessen verzichte ich heute, da ich gut vorankomme und es mir auch an Kochergas und regensicherem Unterschlupf mangelt. An einer Tränke in Guntmadingen fülle ich – nach bereits 18 gelaufenen Kilometern – meine Reservoirs mit frischem Wasser.

Kurz darauf meldet sich mein Navigationsgerät, das bald wieder aufgeladen werden will. Blöd nur, dass ich noch einige Kilometer zu laufen habe. Ich lege einen Zahn zu, denn Schaffhausen liegt hinter dem nächsten bewaldeten Hügelkamm. In der Stadt selbst, werden mir sicher die Wegweiser helfen, den Rheinfall und den Bahnhof zu finden.

Die Route führt mich 200 Tiefenmeter hinab nach Schaffhausen hinein, das zuerst vorstädtisch ruhig, später aber zunehmend innenstädtisch laut wird. Bereits weit oberhalb des Rheins, fange ich die ersten Motive mit meiner Kamera ein, um keinen Beweis zu verlieren, dass ich wirklich hier….

 

Eine Idee wird geboren…

Ich blicke auf das Jahr 2013 zurück. In Baden-Württemberg beginnt für mich ein neuer Lebensabschnitt und sicher für niemanden überraschend ist, dass der Nordschwarzwald als mein neues Zuhause (ent)spannende Freizeitmöglichkeiten schafft. In den ersten zwei Jahren konnte man mich noch standesgemäß und überwiegend mit dem Fahrrad über die höchsten Berge und durch die kältesten Täler fahren sehen. So manche Anstiege lehrten dabei meinen Beinen das Fürchten.

Leider führten mich finanzielle Engpässe zum Verkauf mehrerer Fahrräder. Der Umstand des mir dadurch fehlenden Mountainbikes hatte jedoch wiederum unerwartet positive Auswirkungen auf die Art meiner außerberuflichen Fortbewegung, denn ich entdeckte in den letzten Jahren, dass mir der Tausch der zwei Räder gegen zwei Beine als Fortbewegungsmedium sehr gut tut. Seit geraumer Zeit stapfe ich jetzt also schon bei allen erdenklichen Wetterlagen regelmäßig durch den Schwarzwald und erkunde Wasserfälle, Bäche, Moore oder lasse mich von der Weitsicht bei Inversionswetterlage beeindrucken.

Jede Tageswanderung nährte die Gedanken an größere Fußmarschdimensionen und nachdem ich 2015 und 2016 große Fahrradreisen durch Deutschland unternommen hatte, reifte in mir der Wunsch, im 2017er Sommerurlaub meine Wanderkarriere mit einem Mehrtagesabenteuer zu krönen. Für einen noch verhältnismäßig jungen Schwarzwaldimmigranten birgt das größte Mittelgebirge Deutschlands nämlich noch immer viele Orte, Erlebnisse und Herausforderungen, die im Sturm des Schrittes erobert werden wollen.

Der zu Beginn in meinen Synapsen wabernde Traum einer langen Wanderung wich einer zunächst noch verschwommenen Vision von der Durchquerung des Schwarzwaldes und mein Abenteurergeist verleitete mich zum vorsichtigen Marketing gegenüber einem Kreis von Eingeweihten. Diesen vertrauenswürdigen Menschen erzählte ich von einem großen Abenteuer, dem ich mich stellen möchte und noch bevor das neugierige Leuchten in den Augen meiner Gesprächspartner richtig aufflammen konnte, posaunte ich schon das Lied vom wagemutigen Wanderer, der den Schwarzwald von Nord nach Süd durchqueren möchte, aus.

Nun ja – einmal entfesselte Pferde lassen sich nicht mehr einfangen… 🙂


Wer gut plant, der gut läuft!

Es ist Juni. Die Temperaturen des Sommers 2017 lassen keinen Zweifel an der Tatsache, dass mein Abenteuer unaufhaltsam näher rückt und ich beginne meine psychische Vorbereitung damit, nicht mehr von Monaten, sondern nur noch von Wochen zu sprechen! Zu dieser Zeit stelle ich mir Fragen, wie:

Wie beuge ich Blasen vor?

Wie komme ich unterwegs an Trinkwasser?

Sind Gedanken übers Abwehren von Wildtieren völlig übertrieben?

Wo liegt die erträgliche Gewichtsgrenze des Rucksacks?

…und nicht zuletzt: Was brauche ich alles nicht?

Viele mögliche Problemsituationen spielte ich in meinen Gedanken durch, suchte und fand auch für alle denkbaren Unwägbarkeiten zufriedenstellende Lösungen, derer zwei ich hier näher beschreiben möchte.

Das Problem mit dem Trinkwasser

Berechtigt ist auch die Gegenfrage: Ist das in Deutschland überhaupt ein Problem? Sind wir nicht mit trinkbarem Wasser an jeder Ecke gesegnet? Sicherlich lässt sich das nicht pauschal beantworten. Fakt ist aber, dass die Verdauungsapparate von uns Mitteleuropäern zwar an einen Überfluss an Nahrung, nicht jedoch an schlechtes Wasser gewöhnt sind. So kann ein Überschreiten von bestimmten Schwellenwerten an Protozoen, Bakterien und Viren mindestens zu Durchfällen, im schlimmsten Fall aber auch zu Cholera, Hepatitis oder Typhus führen (Quellen: HIER, HIER oder HIER). Das Risiko dafür ist in unserem Land deutlich geringer als in anderen, soviel ist klar. Da mir aber immer noch viele Dinge einfallen, die angenehmer sind als Durchfall, reicht mir das als Argument aus, um mir um die Beschaffung von Trinkwasser Gedanken zu machen. Nach einiger Recherche habe ich mich für eine Kombination aus mechanischem Wasserfilter mit Aktivkohle und einer Reinigung mit UV-Licht entschieden. So wird trübes Wasser klarer, der Geschmack verbessert sich und alle gefährlichen Krankheitserreger werden entfernt. Weiterer Vorteil: Ich spare Gewicht, da ich weniger Trinkwasser dabei haben muss. An jeder Wasserstelle kann ich filtern und auffüllen. Problem gelöst!

Das Problem mit Blasen an den Füßen

Würde ich zum Kategorisieren von Unerwünschtem auf Tour aufgefordert werden, würde ich Blasen an den Füßen in die Nähe von Durchfall stellen. Seitdem ich meinen alltäglichen Arbeitsweg fast ausschließlich zu Fuß beschreite, drängte sich mir der Bedarf nach einer Gegenstrategie immer stärker auf, denn die Tage an denen ich mit Blasen ankam, wurden zur leidvollen Regelmäßigkeit. Mit herannahendem Großprojekt „Pan-Schwarzwald“ musste ich eine praktikable Lösung in petto haben. Aus dem Sammelsurium von Erfahrungsberichten in Form von virtuell Niedergeschriebenem, bastelte ich mir ein für mich tauglich erscheinendes Paket an Maßnahmen zur Blasenprophylaxe. Die aktuellste Version sieht eine regelmäßige Pflege der Fußhaut mit Hirschtalg, ein Abkleben der Ferse mit Heftpflaster sowie Einschmieren mit reibungsmindernder Pflegecreme am Lauftag vor. In Kombination mit geeigneten Socken und einer mechanischen Reparatur meiner Laufschuhe erreichte ich sehr gute Ergebnisse. Für meinen langen Trip wollte ich diese Methode beibehalten und hoffte, dass sie auch einer mehrtägigen Wanderung standhält. Problem gelöst!?


Meinen Mitmenschen müssen die Wochen vor den Sommerferien und damit dem Beginn meiner großen Reise sehr verdächtig vorgekommen sein, schließlich waren meine Gedanken die meiste Zeit des Tages auf mein kleines, großes Abenteuer fokussiert. Eine tiefgründige Unterhaltung mit mir kann so nicht mehr möglich gewesen sein. 🙂

Was nicht alles noch zu tun war…

Meinem Girokonto mutete ich wieder einmal – keinerlei Empathie empfindend – massive Beanspruchungen zu. Zumindest equipmentseitig wollte ich sorgenfrei und sicher meine Reise antreten. Angesichts der, im Nachhinein betrachtet erheblichen finanziellen Größenordnung, fällt es mir immer noch schwer, alles aufzuzählen, was ich mir dafür nach und nach noch kaufte. Die bedeutendsten Posten waren der Rucksack mit 65 Litern Fassungsvermögen von Deuter, die selbstaufblasende Isomatte von Therm-A-Rest, der für bis zu 0 °C geeignete Schlafsack von Vango und das 1-Mann-Geodätzelt von everest1953, mit dem ich noch meine (Achtung, Ironie!) „helle Freude“ haben werde – nur wusste ich das zu diesem Zeitpunkt noch nicht!

Wenn man erfahrene Wanderer fragt, was die wichtigste Ausstattung für eine Wanderung ist, liegen „gute Wanderschuhe“ auf den TOP 3 der Antworten. Zunächst hielt ich auch meine Meindl Halbschuhe, die ich bisher fürs Joggen nutzte, für mehrtagestauglich. Beim Betrachten der fast abgelaufenen Sohle sagte ich mir: „Ach, die läufste jetzt noch runter und danach sind sie fertig.“ Die Wochen gingen ins Land und mittlerweile weiß ich nicht mehr genau, was mich dazu verleitet hat, nicht mehr so sicher zu sein, ob ich diesen Schuhen/mir das wirklich zutrauen kann. Um es kurz zu machen: Entgegen jeder Empfehlung, Schuhe vor Reisen dieser Art ausreichend einzulaufen, bestellte ich mir wenige Wochen vor Start der Reise drei Paar Wanderschuhe. In diesem Zusammenhang stellte ich fest, dass ich wohl breite Vorderfüße besitzen muss, denn die wasserdichten Meindl Antaleo GTX mit sogenannter „Comfort Fit“-Leiste umschmeichelten meine Füße am überzeugendsten. Den Einzug in meinen Schuhschrank hatten sie sich damit erkauft.

Die letzten Tage brachen an und der Rucksack füllte sich: Trockennahrung, Kocher, Socken, Trinkblase, Erste-Hilfe-Set, Zahnbürste, Schlafsack, Stirnlampe, Solarzelle, Ladegeräte, Isomatte, Fotoapparat, Zweithose, Löffel, Sonnencreme, Geld, EC-Karte, Hausschlüssel, Navigationsgerät, Handy, Regenponcho, Funktionsshirt, Mückenspray, Blasenpflaster, Zeckenzange, Wasserfilter, Gaspatrone und so weiter und so weiter…


Zurück auf Los – Der erste Tag (29.7.17):

Die letzte Nacht im heimischen Bett habe ich überraschenderweise schlafend überstanden, von einer kleinen Portion Aufregung und Hoffnung abgesehen. Da ich mir für heute nur 20 Kilometer Laufen vorgenommen habe, genieße ich die Freiheit, auch etwas später aufzustehen. Ein paar Kleinigkeiten sind noch an den schon schweren Rucksack zu hängen, dann kann es endlich losgehen. Zu guter Letzt bringe ich noch den Müll raus, schließe alle Fenster und deaktiviere den Strom im Sicherungskasten, mit der Absicht, allen Standby-Geräten tatsächliches Stromsparen beizubringen.

Um 8:20 Uhr stapfe ich los – erstmal gen Süden – erstmal bergauf.

Mein erstes Zwischenziel ist Dobel auf 700 m ü. NN. Noch bevor ich dort ankomme und mich über die durch Baumaschinen zerpflügten Wege zu sehr ärgere, fällt es mir wie Schuppen von den Augen: Ich habe zu Hause die Sicherungen deaktiviert und das heißt nicht nur, dass ich Strom spare, sondern auch, dass jetzt der Kühlschrank abtaut. Oh je…!!!

Lösung, Lösung, Lösung…eine Lösung muss her. Soll ich zurücklaufen? Das wären 10 Kilometer einfach. Nee, es muss etwas Besseres geben! ÖPNV? Wer weiß, ob und wann die fahren?! Ein Taxi rufen wäre wohl das Schnellste, sobald ich in Dobel bin. Glücklicherweise hängt in einer Dobeler Bushaltestelle Werbung von einem lokalen Taxiunternehmen und glücklicherweise hat der nette Mann auch gerade Zeit, wie er mir am Telefon deutlich macht.  Zehn Minuten warte ich auf das Auto, dessen Beifahrersitz ich unter staunenden Augen umgehend mit meinem Handtuch ausstatte, um ihn vor des Wanderers Schweiß und Dreck zu schützen. Während der Fahrt unterhalten wir uns über mein Vorhaben und auch über die Ursache der im Wald ablaufenden Baumaßnahmen. Der Taxifahrer bestätigt meine Vermutung, dass es sich dabei um die Vorbereitungen zum Bau von Windkraftanlagen handele und auch, was er in diesem Fall davon hält. Bevor wir eine halbe Stunde später wieder das Ortseingangsschild von Dobel passieren, sind wir gerade noch dabei, uns über das Für und Wider dieser Art der Energieerzeugung auszutauschen. Glücklich darüber, dass ich mein Kühlschrankproblem so schnell lösen konnte und mir der Fahrer nur die einfache Fahrt berechnet, schreite ich wenig später glücklich und motiviert durch das Sonnentor in Dobel, welches durch seinen symbolischen Charakter als Markierung des bekannten Westwegs seinen Teil zu meiner Freude beiträgt.

Gleich zwei Mal werde ich daraufhin nach dem Weg gefragt. Scheinbar attestiert man einem voll bepackten Wanderer hohe Navigationskompetenz, nach dem Motto: „Wenn nicht der, wer dann?“ Was diese netten Freizeitenthusiasten jedoch nicht wissen können ist, dass ich ebenfalls kaum Ortskenntnis habe und ihnen dementsprechend nur begrenzt helfen kann. Kinder wie ich, die mit den Vorzügen der modernen digitalen Technologie aufgewachsen sind, vertrauen nämlich auf ein Navigationsgerät. In dieses kleine Wundergerät habe ich alle Tagesetappen eingespeichert und kann mich so auf die Natur und meine Gedanken konzentrieren und verschwende nicht wertvolle Energie für das Tragen von Landkarten oder dem Versuch, mich mit meinem nur begrenzt fähigen Orientierungssinn zurecht zu finden.

Gegen 17:00 Uhr peile ich meinen vorgesehenen Wildcampingplatz an, der meinen über Google Earth gehegten Verdacht bestätigt, dass es sich um eine Wiesenfreifläche mitten im Wald auf über 900 m handelt. Ich schlage mein Zelt auf, spanne die Wäscheleine zwischen zwei sich unter der Last meiner durchgeschwitzten Kleidung biegenden jungen Nadelbäume, wasche mich, esse und während die letzten Sonnenstrahlen die Baumwipfel in sanftes Orange hüllen, schreibe ich ohne Internetzugang diese Worte, auf einem großen Buntsandstein sitzend, und mit leisen Tönen von Animals As Leaders lasse ich den ersten Wandertag in zufriedener Gemütsverfassung ausklingen.

Eine angenehme und naturgeräuschuntermalte Nacht wünsche ich mir, als ich wenig später im Schlafsack verschwinde. Ich freue mich auf die nächsten Tage!


Von Wasser die Schnauze voll – Der zweite Tag (30.7.17):

Ruhig und warm – so könnte man die Nacht beschreiben. Warm nicht der Außentemperaturen wegen, sondern wegen meines Schlafsackes, den ich deshalb in den frühen Morgenstunden öffne. Seit gestern Nacht vernehme ich zudem leise Partymusik aus dem Tal und stehe ebenso mit ihr auf. Glücklicherweise habe ich Ohrenstöpsel mitgenommen – die Auswahl der Interpreten entspricht nämlich nicht wirklich meinem Geschmack.

Das morgendliche Zusammenpacken verläuft reibungslos, sodass ich bereits um 7:00 Uhr den Marsch des zweiten Tages antrete. Während ich mich ein paar hundert Meter weiter an einer erloschenen Feuerstelle am Frühstück labe, sinniere ich – untermalt von der Musik aus dem Tal – über die vor mir liegenden Erlebnisse und Herausforderungen. Eine Stunde später, mit Besteigen des knapp 30 Meter hohen Aussichtsturms auf dem Hohloh-Berg ist dann schließlich auch keine Musik mehr zu hören, was super ist, denn somit kann ich die herrliche Aussicht in buchstäblicher Ruhe genießen.

Wieder unterhalb von 1.000 m ü. NN unterwegs, ist der weitere Weg durch den Abstieg zum Latschigfelsen und ins Murgtal gekennzeichnet. Viele Tiefenmeter belasten meine Beine merklich, jedoch beweisen die neuen Trekkingstöcke zum ersten Mal ihren Zweck auch bergab und verschaffen mir deutlich Entlastung. Im Tal der Murg angekommen, fülle ich meinen Vorrat mit gefiltertem Wasser, esse eine Portion vegetarisches Gemüserisotto, lege mich für einen kurzen Mittagsschlaf auf eine Bank unter einen schattenspendenden Baum und verschaffe meinen Füßen so ihre verdiente Ruhepause.

…die aber nicht allzu lange dauert, denn wenig später kündigen sich dunkle Wolken und Donnergrollen an. Nun, es sind noch gute 10 Kilometer zu laufen, also weiter Richtung Forbach. Dort angekommen, schreite ich durch eine tolle geschreinerte Holzbrücke, die den Fluss Murg überspannt. Unter ihrem Dach entdecke ich auf der Brüstung eine beinahe leblos daliegende kleine Fledermaus. Helfen kann ich ihr leider nicht mehr.

Mit gefülltem Wasservorrat verlasse ich die Stadt in Richtung Schwarzenbach-Talsperre. Das heißt: Bergauf!

Hurra, die ersten richtigen Höhenmeter des Tages. Damit diese besonders eindrücklich in Erinnerung bleiben, machen das Gewitter und der Regen immer stärker auf sich aufmerksam. Ein Hundebesitzer, der offenbar bereits den sicheren Heimweg angetreten ist, wünscht mir beim Entgegenkommen „Viel Spaß!“. Ich habe es unterlassen zu ergründen, ob es sarkastisch oder ehrlich gemeint war.

Die Regentropfen und das Donnergrollen spielen sich warm. Erstere machen mir nichts, denn ich habe meinen Poncho über mich und meinen Rucksack gestreift und bin auf alle Ausmaße von Nässe vorbereitet. Glücklich über den Erwerb des Ponchos, genieße ich den prasselnden Regen, das Ausgesetztsein und atme mit vollem Lungenvolumen die frische feuchte Luft. Das kleine Gewitter hat bald keine Kraft mehr und ich kann mich aus dem Schweißgefängnis des Ponchos befreien. Nach einigen weiteren Höhenmetern erreiche ich die Talsperre. Ich erinnere mich gleich an einen heißen Sommertag vor ein paar Jahren. Während einer Fahrradtour hielt ich genau hier und sprang ins erfrischende Nass. Leider ist für mich die Attraktivität und der Erholungswert der Talsperre aber auch durch die angrenzende Straße und deren Lärm begrenzt.

Von Regen und Lärm bleibe ich dann bis zum kleinen Ort Hellwies verschont. In Hellwies erwartet mich der seinem Akzent nach aus der Schweiz stammende Campingplatzbesitzer bereits. Nach Aufbau des Zeltes und einer kalten Dusche, sitze ich im Gasthaus „Waldesruh“ und genieße einen großen Salat, Spätzle und ein gemischtes Eis. Draußen regnet es derweil wieder und während ich diese Worte schreibe, denke ich an die nächste Nacht, den nächsten Tag und hoffe, dass morgen auch alles gut läuft – mit dem Wasser, meinen Füßen, dem Rucksack und überhaupt.

Als ich satt und glücklich den Rückweg zum Zeltplatz beende, stelle ich frustriert fest, dass mein Zelt dem kurzen, aber heftigen Regenschauer nicht standgehalten hat. Durch die abschüssige Lage des Zeltes hat sich im Zeltinneren eine beachtliche Pfütze gebildet und das Wasser hat auf seinem Lauf durch das Zelt die Isomatte, die Kamera und einige andere Sachen nass gemacht. Unter ersten Müdigkeits- und Frustrationserscheinungen leidend, trockne ich mit meinem Handtuch alles nass gewordene so gut es geht und verkrieche mich verärgert in meinen glücklicherweise trocken gebliebenen Schlafsack und versuche, diesen kleinen Rückschlag zu vergessen, was mir durch die Gedanken an die angekündigten Regengüsse in den nächsten Tagen leider nicht in Gänze gelingt.

Gute Nacht!


Der orientierungslose Geist des Auerhuhns – Der dritte Tag (31.7.17):

Der dritte Tag beginnt freundlich, trocken und kühl. Um 8:20 Uhr setzen sich meine Beine in Richtung Hornisgrinde in Bewegung, vorbei am vernebelten Sandsee, der im 18. Jahrhundert für die Baumstammflößerei aufgestaut wurde und mir nun einen guten Rahmen bietet, mir meine begrenzten fotografischen Fähigkeiten vor Augen zu führen. Parallel zur Schwarzwald-Hochstraße verläuft hier der Westweg und ich komme an der kleinen Häusergruppe Sand vorbei, die ich schon von früheren Wanderungen kenne und an der auch ein Denkmal des ersten deutschen Reichskanzlers steht. Mein Interesse dafür hält sich jedoch in Grenzen und ist auf den weiteren Fußmarsch und an ein anderes Zwischenziel fokussiert, welches ich heute erreichen möchte: Die Hornisgrinde – die höchste Erhebung im Nordschwarzwald.

In der Zwischenzeit gönne ich mir schöne Ausblicke auf die westseitige Rheinebene und das eindrucksvolle und luxuriöse Schlosshotel Bühlerhöhe. Mit dem Aufstieg auf den mit Heidegräsern bewachsenen Hochkopf überschreite ich auch zum ersten Mal auf dieser Tour die magisch-motivierende 1.000 m über dem Meeresspiegel. Mein Blick orientiert sich dabei stets an einem markanten Punkt: Dem Sendemast des SWR auf der Hornisgrinde, der mit seinen eindrucksvollen 207 Metern bereits von weiter Entfernung zu sehen ist und sich für die Rundfunkversorgung von etwa 2 Millionen Einwohnern verantwortlich zeichnet. Beim Abstieg vom Hochkopf komme ich mit einem rüstigen Ehepaar über Auerhühner ins Gespräch, die auf diesen Heideflächen anzutreffen sein sollen. Der Mann berichtet mir, dass er in 30 Jahren Wandererfahrung nicht ein Mal auf ein Auerhuhn gestoßen sei und es in Frage stelle, ob deren Anzahl eine bedeutende Größe übersteige. Ich konstatiere ihm, dass mir der Blick auf ein solches Geschöpf bisher auch nicht vergönnt gewesen ist.

Auf dem Weg zur Hornisgrinde lege ich weitere Höhenmeter zurück, die sich dank meinen fitten Beinen, den super Wanderschuhen und meinen Trekkingstöcken relativ leicht bewältigen lassen. Durch das ausgefeilte Tragesystem des schweren Rucksacks fühlt sich sein Gewicht nicht so träge an und ich spüre, dass sich mein Körper auf diese Last immer mehr einstellt.

Die Sonnenstrahlen und den aufkommenden Wind unterhalb des Gipfels der Hornisgrinde nutze ich, um es mir auf einer Bank gemütlich zu machen, Mittag zu essen und meine Kleidung zum Trocknen aufzuhängen. Zudem entfalte ich meine mobile Solarzelle und lade die Akkus meiner elektronischen Geräte. Diese Situation anzusehen, scheint für die zahlreichen Gipfelbesucher anscheinend skurril genug zu sein, um mich mit ebenso zahlreichen wie freundlichen Kommentaren zu bombardieren. Trotz meiner Konzentration auf die Organisation aller erforderlichen Dinge und Tagesziele, versuche ich jeden Kommentar mit einem Lächeln oder einer freundlichen Antwort zu würdigen.

Meine wetterbezogenen Befürchtungen bewahrheiten sich wenig später: Der Wind nimmt zu und es ziehen mehrere Regengebiete heran, die sich in den nächsten Stunden mit der Sonne ein ständiges Hin und Her leisten werden. Davon mehr oder weniger unbeeindruckt, ziehe ich mich auf eine überdachte Bank zurück, beobachte und fotografiere dieses meteorologische Wechselspiel, zu dem sich später auch noch Gewitterzellen hinzugesellen. Wenige Stunden später rüste ich mich mit getrockneter Kleidung und vollem Magen für den Abstieg zum Mummelsee, aus dem ich mir angenehm kaltes Wasser filtere und in meine zwischenzeitlich leeren Behälter fülle.

…die sich am nächsten Anstieg zum Schwarzkopf gleich wieder erheblich leeren, denn hier führt der Westweg parallel an einem steilen Skihang hinauf. Diese Steigung bringt meine Pumpe so richtig zum Arbeiten und der Schweiß läuft in Strömen. Oben angekommen, kann von einer Verbesserung der Situation keine Rede sein: Obwohl nicht mehr steil, stelle ich mir nun die Frage, ob es hier überhaupt einen Wanderweg gibt. Vor mir sehe ich nur wildes Schwarzwald-Gestrüpp, die rostige Liftanlage und ein mickriges Holzhäuschen. Hätte ich doch die Abzweigung 200 Meter weiter unten nehmen sollen? Nach einigem unentschlossenen Hin und Her, stakse ich durch das Gestrüpp in eine Richtung, die mir sinnvoll erscheint. Mit Worten lässt sich diese bizarre Situation nicht wirklich beschreiben, aber ich kann´s versuchen: Ich balanciere nun von einem abgestorbenen Baumstamm oder Stein zum nächsten und stelle hier und da erst beim Drauftreten fest, dass dieser verrottete Baum unter meinem Gewicht in sich zusammensackt und ich mich daraufhin ein Stockwerk tiefer in den Sträuchern wiederfinde. Dieser Vorgang wiederholt sich einige Male, bis ich ungefähr eine halbe Stunde später mit zerkratzten Beinen auf einem breiten Wanderweg an der Westflanke des Schwarzwaldes wieder zu mir finde. Mittlerweile neigt sich die Sonne schon gen Westen und ich nutze diese schöne Stimmung für die Suche nach Fotomotiven.

Wenige Kilometer weiter auf der Ruhesteiner Passhöhe, der ehemaligen Grenze zwischen Baden und Württemberg, setze ich die tagesfüllenden Überlegungen zur Lösung meines Zeltproblems in die Tat um. Ich rufe beim Zeltplatz an, auf dem ich zwei Tage später sowieso übernachten will, reserviere gleich ein Plätzchen und lasse mir bestätigen, dass der Betreiber ein Paket für mich entgegennehmen würde. In diesem Paket soll ein neues Zelt stecken, dass ich mir nach dem Telefongespräch mit dem Smartphone im Internet bestelle. Bleibt nur die Hoffnung, dass das Paket und ich auch rechtzeitig dort eintreffen.

Ich atme tief durch, als dieses Problem vorerst gelöst scheint; jedoch nicht ohne Opfer, denn diese Aktion hat einiges an Akkuladung meines Telefons verbraucht, aber ich bin beruhigt und kann mir nun einen ruhigen Platz zum Abendessen und Schlafen suchen. In der Nähe des 1014 Meter hohen Schweinkopfes finde ich gegen 20 Uhr ein ruhiges Plätzchen auf einer wunderschönen Wiese hinter großen Sträuchern. Dort breite ich mich aus, genieße noch die untergehende Sonne, esse eine reichliche Portion Nudeln mit Soja-Bolognese, wasche mich mit dem Restwasser, das ich noch habe und finde wenig später einen unruhigen, aber trockenen Schlaf.

…what a day! 🙂


Hut oder Hütte, Hauptsache Obdach – Der vierte Tag (1.8.17):

Die ersten Sonnenstrahlen fallen 7:00 Uhr morgens in mein Zelt und ich bin schnell wach. Die Akkuladungen meiner Geräte hatten sich über Nacht nicht wirklich erholt und so nutze ich diese Sonne auch gleich mit meiner kleinen faltbaren Solarzelle. Die Sträucher, die mir in der Nacht Wind- und Blickschutz leisteten, dienen mir an diesem schönen Morgen zum Auslüften von Schlafsack und Kleidung.

Einige Zeit und etwas getankter Sonnenenergie später, packe ich alle Sachen routiniert in meinen Rucksack und mache mich in Richtung Schliffkopf auf, den ich eine Stunde später erreiche und mir bei gleichzeitigem Genießen der Aussicht langsam Sorgen um die Beschaffung von Trinkwasser mache, dessen letzten Rest ich mit dem abendlichen Waschen aufgebraucht hatte. Wenige hundert Meter weiter erfüllt mich des Wanderers Glück, als ich eine kleine Quelle finde und mir drei Liter frisches Wasser in meinen Rucksack füllen kann.

Das Wetter spielt mit, zeigt sich aber von seiner hochsommerlichen Seite. Dem entgegne ich lässig mit meinem eleganten Sonnenhut und Faktor-50-Sonnencreme. Nach dem relativ späten Müsli-Frühstück setze ich diese Energie gleich in eine ungezwungen hohe Laufgeschwindigkeit um und komme auf sich abwechselnden Untergründen mit tollen Aussichten Richtung Süden und Westen gut voran. Mit Erreichen des Ortsteils „Zuflucht“ westlich von Freudenstadt zeigt sich das Wetter weniger sonnig und es riecht immer stärker nach Regen und Gewitter. Erst als ich den sehr idyllisch gelegenen Glaswaldsee erreiche, um Wasser nachzutanken und nach einer Übernachtungsmöglichkeit zu suchen, beginnt es zu regnen. Mein toller Regenponcho leistet mir hier wieder gute Dienste, sodass mehrere kleine Schauer unbeeindruckt an mir vorübergehen. Leider ist die einsame Hütte am Glaswaldsee schon durch andere Outdoor-Freunde belegt und so suche ich noch etliche Kilometer weiter nach einem geeigneten und vor allem wasserdichten Nachtquartier – denn aus dem Internet kamen Meldungen über heftige Sommergewitter und Regengüsse, die in der bereits hereinbrechenden Nacht über dieser Region einhergehen sollen. Mit einem undichten Zelt will ich mir das nicht antun.

Meine Geduld zahlt sich aus und so erreiche ich zufällig eine abgelegene befestigte Jagdhütte mit einem zu diesem Zeitpunkt als luxuriös empfundenen überdachten Vorraum. Ich bin sehr erleichtert und während ich zu Abend esse, beobachte ich die herannahenden dunklen Wolken und lausche flachatmig dem immer deutlicher hörbaren Grummeln. Den verdienten Tagesabschluss finde ich mit einer kleinen Freiluft-Dusche aus meiner Trinkblase. Wenig später lege ich mich in stiller Aufregung in mein Zelt, das ich im Vorraum des kleinen Holzhauses ausgebreitet habe, um in meinem warmen Schlafsack der Dinge zu harren, die da auf mich zukommen.

Meine Erwartungen werden nicht enttäuscht. In dieser Nacht schlafe ich wenig, erlebe aber mehrere starke Gewitter mit Platzregen, Donner und Blitzen. Ich fühle mich dennoch sicher und kann sogar behaupten, dass ich diese Gewitter richtig genieße. Die Geräuschkulisse eines solchen Gewitters im Freien zu erleben, ist wirklich beeindruckend und der Übermacht dieser Naturgewalt demütig ausgeliefert, fühle ich mich in meinem kleinen Zelt unter dem Dach dieses kleinen Holzhauses sehr wohl und will zu diesem Zeitpunkt an keinem anderen Ort sein, als genau im Hier und Jetzt.


Fehlt nur noch ein wasserdichtes Zelt – Der fünfte Tag (2.8.17):

Der nächste Tag und ich lebe noch! Eine atemberaubende Nacht liegt hinter mir und motiviert mich für neue Taten. Der Morgen beginnt mit leichtem Nieselregen und einem traumhaften Blick von 900 Metern Höhe in tief bewaldete Gebiete des Schwarzwaldes. Mittlerweile findet mich mein Navigationsgerät südlich von Offenburg, das selbst südlich von Straßburg liegt. Mit einem prüfenden Blick überzeuge ich mich von der Unversehrtheit meines nächtlichen Schlafplatzes und ich bedanke mich innerlich beim Erbauer für das unwissende Zurverfügungstellen seiner hölzernen Hütte. Kurz nach 7 Uhr und ich starte in einen neuen Tag…

…einen Tag im Wald, denn über mehrere Stunden und 20 Kilometer laufe ich verträumt, allein und ohne bebaute Siedlungen zu sehen.

Die Westwegpforte auf dem Freiersberger Pass lässt mich aber wieder aus meinem Wandertraum erwachen und ich wähne mich bald wieder zivilisatorisch umgeben. Beim Abstieg ins Kinzigtal nähere ich mich dem Ort Wolfach und mir fällt wieder ein, dass ich heute in dem etwas abgelegenen Stadtteil Kirnbach auf dem Campingplatz „Zur Mühle“ mein neues Zelt entgegennehmen will – wenn mit der Lieferung alles geklappt hat! Der Weg zum Campingplatz fällt mir schwer, da ich mich erst wieder an den lauten Straßenverkehr und harten, weil asphaltierten Untergrund gewöhnen muss. Schon nach kurzer Zeit schmerzen meine Füße und unter Demotivation leidend hoffe ich, bald anzukommen. Nach drei Kilometern Asphalt und einigen Höhenmetern, komme ich auf dem durch Niederländer, Briten, Franzosen und Spanier gut besuchten Campingplatz an und treffe auf den Inhaber Mark, der sich an unser Telefongespräch vor zwei Tagen erinnert, mir aber mitteilt, dass mein bestelltes Zelt noch nicht angekommen ist. Mist!

Schnell schöpfe ich wieder neue Kraft, als ich ans Duschen denke und auch daran, dass ich alle meinen leeren Akkus hier an der Steckdose der Campingplatzrezeption kostenlos aufladen darf. Aber eins nach dem anderen. Zuerst bezahle ich die Übernachtungsgebühr. Daraufhin weihe ich das mir zugewiesene kleine Stückchen Wiese durch den Aufbau meines kaputten Zeltes ein. Geplant war eigentlich, dass ich mich in dieser Nacht schon über das neue – wasserdichte – Zelt freue, aber dieses Glück ist mir heute wohl noch nicht vergönnt. So gut es geht, spanne ich gleich mit einem Konstrukt aus den Wanderstöcken und meinem Regenponcho eine Überdachung fürs Zelt, das mich vor einem größeren Wasserschaden in der nicht mehr allzu weit entfernten Nacht bewahren soll. Daumen drücken!

…aber nicht, ohne vorher anständig zu Abend zu essen. Ich erfahre, dass es einen kleinen Fußmarsch weiter das Tal rauf ein kleines Restaurant gibt, das sehr zu empfehlen ist. Genau das brauche ich jetzt! Also schlage ich richtig zu und bestelle einen Salat, ein Radler, ein Wasser, ein Sojaschnitzel und… Achtung, jetzt kommt´s: …ein „Bollenhut-Eis“, benannt nach dem Strohhut, der mit seinen aufgesetzten Bollen aus Wolle zur traditionellen evangelischen Tracht in dieser Region gehört und oft als Symbol für den ganzen Schwarzwald herhalten muss. Das leckere Eis ist diesem Hut in seiner Optik und seinem Namen nachempfunden.

Ich lasse eine Stunde später alle Traditionen und die in Nahrung investierten 35 Euro hinter mir, denn ich will mich nur noch in meinen Schlafsack kuscheln und schlafen! Mittlerweile habe ich mich auch dafür entschieden, mindestens bis morgen Mittag auf dem Campingplatz zu bleiben, um auf mein Zelt zu warten. Wie es dann weitergeht und ob ich meine Wanderverabredung mit meiner Schwester in Kirchzarten noch einhalten kann, darüber will ich mir heute Abend keine Gedanken mehr machen. Gute Nacht!


Glück kommt selten nach Plan – Sechster Tag (3.8.17):

Eine ruhige und regnerische (aber Wassereinbruch-freie) Nacht liegt hinter und ein spannender Tag vor mir. Das Wichtigste ist heute, dass mein Zelt ankommt. Beim Lieferanten per Telefon oder E-Mail durchzukommen, war bereits gestern erfolglos geblieben und so bleibt mir nur das Warten. Diese Zeit nutze ich, um mit einer Karte der Region herauszufinden, wie ich die verlorene Zeit wieder aufholen kann, auch unter Zuhilfenahme von öffentlichen Verkehrsmitteln. Mark, der Inhaber des Campingplatzes ist mir dabei mit wertvollen Informationen sehr hilfreich. Es vergehen Stunden und ich warte am Eingang des Platzes auf ein gelbes Lieferfahrzeug mit meinem Paket, aber es kommt und kommt nicht…

Die Uhr läutet bereits die Mittagszeit ein und ich fasse den Entschluss, ohne das neue Zelt loszulaufen und hinterlasse bei Mark etwas Geld und den Auftrag, mir das Zelt nach Hause zu schicken. Zugleich bietet er mir zu meiner Überraschung an, dass er einen seiner Mitarbeiter beauftragt, mich zum Hausacher Bahnhof zu fahren, was ich dankend annehme. Der Mitarbeiter schlägt mir noch vor dem Losfahren vor, die einzige Straße des Tals abzufahren, um auf das Postauto Jagd zu machen. Ich stimme dankbar zu, wir fahren los…

…und kommen nach 20 Metern wieder zum Stehen. Wir sind noch nicht ganz aus der Ausfahrt herausgefahren, als wir plötzlich ein gelbes Postauto auf der anderen Straßenseite erspähen. Was für ein Glück!!! Wie ein kleines Kind stürze ich freudestrahlend aus dem Auto, der jungen Paketbotin entgegen und versuche mich zu beherrschen, als ich ihr erkläre, worin der Grund für diesen Überfall liegt. Sie durchsucht den Gepäckraum ihres Fahrzeugs und findet schließlich ein Paket mit der Adresse des Campingplatzes und als ich die Verpackung mit dem Logo des Internethändlers sehe, bin ich mir sicher, dass es genau das ist, worauf ich warte.

Kurze Zeit später werde ich im strömenden Regen am Bahnhof von Hausach abgeladen, bedanke mich herzlich und verschwinde sogleich unter das schützende Dach einer Bushaltestelle, in der ich mein neues Zelt aus- und das alte Zelt einpacke, da es ohne Umwege über die Postfiliale von Hausach den direkten Heimweg antreten darf. Aber erst mal habe ich Hunger!

Mit dem neuen Zelt an den Rucksack geschnallt, satt und glücklich, warte ich auf den Bus nach Triberg. Ich sage so zu mir: Wenn das klappt, dann schaffe ich es, den Zeitverlust wieder wett zu machen und kann diese Nacht noch nicht, aber in der nächsten Nacht genau dort übernachten, wo ich es ursprünglich vorgesehen hatte. Aber soweit bin ich ja noch nicht.

Der Bus kommt pünktlich und setzt mich am späten Nachmittag im touristenüberfluteten Triberg ab. Bis dahin habe ich vom Busfenster auch die weltgrößte Kuckucksuhr erspäht und erfahre, dass die Triberger Wasserfälle die höchsten Deutschlands sind. Ich nenne es Glück im Unglück, die Gelegenheit zu haben, diese Wasserfälle zu sehen und mache mich ohne Umwege auf in Richtung Wasserfälle. Bei einer Sehenswürdigkeit wie dieser steht man vor mehreren Herausforderungen: Zum einen habe ich vergeblich versucht, Fotos vom Wasserfall zu schießen, ohne dass Touristen mit auf dem Motiv zu sehen sind. Zum anderen scheitert mein Versuch, Zugang zu den Wasserfällen zu bekommen ohne Eintritt zu bezahlen. Dass ich auch keinen Erfolg dabei habe, mich nicht von den Menschenmassen stressen zu lassen, verwundert mich dann auch nicht mehr. So stapfe ich zügig am steilen Hang neben den Wasserfällen hinauf, genieße die Geräuschkulisse, die feuchte Luft und bahne mir – freundlich gestikulierend – Wege durch die Trauben von Menschen.

Oberhalb der Wasserfälle – ohne Wasser, ohne Menschen – mache ich es mir auf einer Bank bequem und klebe die sich ankündigende Blase an meiner rechten Ferse ab. Ich gucke auf die Uhr und stelle fest, dass es mittlerweile bereits nach 18 Uhr ist und ich mir langsam Gedanken um ein Nachtlager machen muss. Die nächsten zwei Stunden und sieben Kilometer sehe ich einige geeignete Plätze, finde aber bei fast allen auch Gründe, dort nicht zu campieren. Hinter der Rehabilitationsklinik für Kinder „Katharienhöhe“ bei Furtwangen im Schwarzwald finde ich dann endlich einen ruhigen und abgelegenen Platz, auf dem ich mein neues Zelt in aller Ruhe aufbauen kann. Von Tannenzapfen befreit, breite ich es auf dickem Moosboden aus und freue mich, dass es bei gleichem Gewicht deutlich größer ist als das alte Zelt. Der Aufbau geht rasch und bald liege ich in meinem Schlafsack. Geschafft, trocken, still und glücklich schlafe ich nach kurzer Zeit ein.


Der eine bissig, der andere nackt – Siebter Tag (4.8.17):

Die Uhr schlägt 7 und ich stehe nach einer ruhigen, aber tropisch warmen Nacht auf, die ich bei halb offenem Schlafsack und Zelt verbracht habe. Nach zügigem Einpacken schreite ich frohen Mutes ins nächste Tal hinein, in dem Wissen, dass ich heute Abend an der Stelle übernachten werde, die ich ursprünglich auch für die siebente Nacht vorgesehen hatte. Somit werde ich den Zeitverlust durch das Warten aufs neue Zelt wieder aufgeholt haben. Super! 🙂

Zunächst führt mich meine Route durch das Tal der Breg, die selbst eine der zwei Zuflüsse der Donau ist. Unweit meines Pfades verläuft auch eine für Europa bedeutsame Wasserscheide, deren Wasserläufe westseitig in die Nordsee und ostseitig ins Schwarze Meer münden.

Es geht stetig bergab und die Wege zeigen sich nun weniger wandererfreundlich. Dort wo Wege sein sollen, sind keine, und ich muss ein kurzes Stück auf einer Landstraße laufen. Die Behandlung meiner Blasen bewährt sich hier – ich bewältige Kilometer für Kilometer ohne nennenswerte Schmerzen.

Meine Route führt mich Richtung Furtwangen im Schwarzwald, die sich selbst als die höchst gelegene Stadt Baden-Württembergs bezeichnet. Noch vor der Stadt werde ich auf einem Feldweg auf ein Schild aufmerksam, das vor einem bissigen Hund warnt, der sich auf dem angrenzenden Grundstück befinden soll. Bisher hatte ich keine Probleme mit Hunden und die meisten Besitzer nehmen ihre Verantwortung ernst, dass es möglichst zu keinen Auseinandersetzungen kommen kann. Also warum sollte es diesmal anders sein?

Dass es leider auch Ausnahmen von jeder Regel gibt, erfahre ich, als ich etwa auf der Höhe des nicht umzäunten Wohnhauses angekommen war. Ein Hund – nicht sehr groß, aber schnell und bissig – rennt bellend auf mich in vollem Tempo zu und ich  – erschrocken – kann nicht anders als sein Verhalten als Angriff zu interpretieren. Ich versuche, ihn mit meinen Wanderstöcken abzuhalten, in die er wie eine Furie in voller Angriffslaune hinein beißt und mit ihnen ringt, als wären sie selbst wilde Tiere und würden ihm sein Revier streitig machen. Offensichtlich bemerkt er wenige Sekunden später, dass meine Wanderstöcke und ich keine bösen Absichten habe und sowieso an seinem Revier vorbeigehen. Ich blicke auf zu seinem Besitzer, in der Hoffnung, dass ich sehe, wie er zum Beispiel seine Bestie zurückruft oder zumindest mir eine entschuldigende Geste zukommen lässt. Leider ist er viel zu sehr damit beschäftigt, seine Regenrinne mit dem Winkelschleifer zu bearbeiten und erlangt keinerlei Kenntnis von den Ereignissen, die sich gerade abgespielt haben. Der Hund lässt schließlich ab und bellt mir noch einige Zeit hinterher. Nach ausreichendem Sicherheitsabstand beruhigt sich auch wieder mein Pulsschlag…

…dabei habe ich noch nicht mal gefrühstückt! Jetzt will ich das aber in Furtwangen nachholen und schöpfe mir aus der Breg frisches Wasser, bevor ich mich in Richtung Stadtmitte aufmache, um mich dort beim Bäcker an einem Laugeneck mit Camembert und Weintrauben sowie einem Buttercroissant zu laben. In der benachbarten Drogerie kaufe ich mir eine Tube Hirschtalg-Salbe für meine geschundenen Füße, Pflaster, Kinesio-Tape und vegetarische Gummibärchen, die, wie jeder weiß, nicht in den Magen wandern, sondern direkt ins Herz. Die Uhr schlägt halb zwölf und ich verzichte auf ein zusätzliches Mittagessen. Stattdessen verschwinde ich schnellstmöglich aus der Stadtmitte, die zu viel von allem hat: Häuser, Autos, Lärm, Abgase, Menschen und harte Straßen.

Ich laufe in Richtung Neueck und komme auf eine schmale asphaltierte Waldstraße, die kaum von Autos befahren wird und entdecke dabei, dass ich bereits von hier den Feldberg am Horizont sehen kann, obwohl dieser noch zwei Tagesmärsche entfernt liegt. Meine Euphorie trübt sich, als ich am Straßenrand Bierflaschen und Felgenreiniger entdecke, die da offenbar von einem dummen Menschen hinterlassen wurden. Die durch die Wolken durchbrechende und in mein Gesicht scheinende Sonne trägt aber schnell wieder dazu bei, dass ich mich wieder sehr glücklich fühle.

In Gütenbach, dem nächsten Dorf, in dem mich eine junge Frau freundlich begrüßt, leitet mich meine Route in Richtung der sog. Teichschlucht, auf die ich bereits mehrfach durch Ausschilderungen aufmerksam wurde und eine Sehenswürdigkeit zu sein scheint, und das ist sie in der Tat, wie ich einige Meter tiefer erfreut feststelle. Der Teichbach schlängelt sich hier durch eine tiefe Schlucht zwischen Felsen und Bäumen entlang und mein Pfad führt im Zick-Zack am Flusslauf entlang, mal rechts, mal links. Ich genieße die Ruhe, die nur vom Plätschern des Wassers durchbrochen wird. Keine Touristen, viele Fotos! Was für ein Spaß! Erst als sich die Baumkronen lichten und ich im Tal der Wilden Gutach angekommen bin, komme ich einer kleinen Gruppe von Rentnern entgegen, die diesen Pfad in der anderen Richtung zu bewältigen versuchen.

Ich blicke gen Westen und sehe den nächsten Bergkamm, den ich heute erklimmen möchte. Vorbei an kleinen Höfen und Riesenpilzen, schlängelt sich der Zweitälersteig steil und lang meinem nächsten Camp entgegen. Mit kleinen Schritten und voller Vorfreude steige ich die 500 Höhenmeter und 7 Kilometer hinauf, um meine Tour mit einer weiteren Sehenswürdigkeit zu versüßen: Dem Zweribach-Wasserfall. Über mehrere Läufe fällt der Wasserfall an einem steilen Abhang in die Tiefe. Die Speicherkarte meiner Kamera füllt sich und meine Trinkblase wird leerer, die ich just an einer geeigneten Stelle wieder auffülle. Während meine Blicke durch die schöne Umgebung streifen, entdecke ich ein älteres Ehepaar, dass einer wohl eher selten anzutreffenden Beschäftigung nachzugehen scheint. Folgende Szenerie zeigt sich mir: Ein Mann – etwa 60-jährig und nackt – steht im Wasserfall und lässt das kalte Wasser des Zweribachs über seinen trainierten und braungebräunten Körper fließen, während seine in etwa gleichaltrige Frau dabei ist, seine Posen zu fotografieren. „Was es für Hobbys gibt“, denke ich mir und setze meinen Weg fort, schaue aber immer wieder zurück, um zu erkennen oder zu verstehen, welche Geschichte sich hinter diesem Pärchen verbirgt. Einige Meter weiter holen mich beide ein und ich kann mich nicht mehr zurückhalten: Ich frage vorsichtig und versuche, dabei nicht vorwurfsvoll oder empört zu klingen, sondern tolerant und interessiert. Wie sich herausstellt, betreiben beide dies als Hobby und der Mann wird nicht müde zu betonen, dass das Wasser so angenehm und erfrischend sei. Wir quatschen noch ein paar Minuten über einen nahegelegenen See, der auch ganz toll sein soll und auch über das Ziel meiner Reise. Wenig später trennen sich unsere Wege und durch ein Schild, auf dem der Tod einer Mutter beklagt wird, die 2003 hier abgestürzt ist, komme ich schnell wieder sprichwörtlich und buchstäblich auf den Boden der Tatsachen zurück.

Die Uhr schlägt 5 und mein Magen meldet sich. Noch einige hundert Meter, dann erreiche ich mein siebentes Ess- und Schlafquartier. Mittlerweile bin ich wieder auf 1.000 m ü. NN unterwegs und entdecke neben „meiner“ Wiese zwei Holzhäuschen, die an zwei Familien vermietet zu sein scheinen. Ich frage vorsichtig nach der Erlaubnis, mein Zelt auf der Wiese aufzustellen, erfahre aber, dass sie das nicht bestimmen können, sondern der Förster hier das Sagen hätte. Er sei heute auch schon zwei Mal da gewesen. „Gut, dann warte ich hier auf den Holzbänken und esse zu Abend. Vielleicht kommt der Förster ein drittes Mal und dann könne ich ihn ja um Erlaubnis fragen.“ Auch nach meinem Festschmaus ist kein Förster zu sehen und zudem überkommt mich die Müdigkeit. Ich will nur noch schlafen!

Also wasche ich mich und verkrieche mich in mein Zelt. Ich vernehme noch einige Zeit die Gespräche der Hüttenbesitzer. Währenddessen lasse ich den Tag Revue passieren, schreibe noch ein paar Zeilen am Reisebericht und freue mich dabei über meine heutige Leistung und das Erlebte. Später falle ich in einen tiefen und ruhigen Schlaf…


Spuren von Freud´ und Leid – Achter Tag (5.8.17):

Der Wald ist mein Wecker, und so wache ich um 7:00 Uhr aus einer ruhigen und erholsamen Nacht auf. Das beim morgendlichen Toilettengang durch Nesseln verursachte Brennen an meinen unbekleideten Unterschenkeln tut sein Übriges, mir das letzte Quäntchen Müdigkeit auszutreiben.

8:20 Uhr setzt sich mein Beinwerk in Gang. Die 2 Quadratmeter plattgedrückte Wiese, die ich zurücklasse, sehen aus wie ein übergroßer Stempel ohne Inschrift und fühlt sich so an, als hätte ich für die Nachwelt eine hölzerne Parkbank mit meinem Messer graviert. Aber zum Glück wird meine Spur im Gras nicht lange zu sehen sein. In meiner Erinnerung kommt stattdessen eine dauerhafte Markierung hinzu:

„Maik war hier, 5.8.17“

Es geht bergauf und ich spüre meine linke Blase wieder stärker und während ich die einsamen Wege genieße, überlege ich, wie ich die Gegenmaßnahmen noch weiter verbessern kann, versuche aber, erst einmal mit dem Vorhandenen zurecht zu kommen.

Um kurz vor 10 Uhr starte ich ein anderes Wagnis, über dessen möglichst geschickte Ausführung ich schon seit Tagen grüble, es sich aber nun nicht länger aufschieben lässt. Selbst in meinen handgeschriebenen Notizen wird dessen Bedeutung  mit dem Titel „Wagnis Rührei“ deutlich. Die Herausforderung besteht darin, mir mit meiner kleinen Camping-Küche ein reichhaltiges Frühstück aus Rührei zu kochen. Entgegen meiner Frühstücksalternativen, die ich in den letzten Tagen aufgebraucht habe, benötige ich für das Rührei Kochtopf UND Pfanne. Leider ist meine Pfanne viel kleiner als der Topf und hinzu kommt, dass ich nur eine Flamme habe, auf dem ich Topf ODER Pfanne erhitzen kann. Damit eine ausreichende Menge zustande kommt, möchte ich mehrere kleine Portionen Rührei erst im Topf vermengen und dann in der Pfanne braten. Bei dieser Sternekoch- reifen Aktion gehen wesentliche Teile des Rühreis über Bord. So verbleibt ein kläglicher Rest, den ich hungrig vertilge. Während ich über den unerwartet guten Geschmack staune, blicke ich beschämt auf das Rührei, das nun auf Schwarzwaldboden liegt und sicher der lokalen Fauna als seltenes Festmahl dienen wird, sobald ich mich ungesehen vom Acker gemacht haben werde.

Es geht bergab und ich nähere mich dem Dreisamtal vor Freiburg, das sich vor meinen Augen auffaltet. Im Hintergrund erkenne ich die Silhouette der Hochvogesen. Kein Foto kann das Gefühl ersetzen!

Freud´ und Leid liegen eng beisammen – das bestätigt sich wieder, als ich wenig später merke, dass ich kein Klopapier mehr habe. „Eine Kuh müsste man sein“, denke ich mir und blicke fasziniert auf die imposanten Tiere, die unweit des Weges ihre gefleckten Körper in der Sonne wiegen.

Mein Weg führt mich auf schmalen Pfaden und landwirtschaftlichen Wegen talwärts. Auf dem „Versperbänkle“ bei der Burgruine Wiesneck halte ich Rast, Dabei gönne ich meinen Füßen einige Minuten schuhfreie Zeit und frische Luft. Dies mache ich in den letzten Tagen öfter. Meine Füße danken es mir mit fast grenzenloser Ausdauer. Dabei kann ich auch den Dreck, der sich mit den Kilometern in meinen Socken und Einlegesohlen sammelt, loswerden.

Bei einem Waldorf-Kindergarten steige ich zum Wagensteinbach hinab und tanke mir heute zum letzten Mal frisches Wasser. Ein großer Teil davon füllt auch gleich meinen Magen, da ich schon seit einigen Stunden keine Wasserstelle mehr angetroffen habe.

Die letzten Kilometer zum Campingplatz Kirchzarten laufe ich auf Asphalt und beäuge die Fahrräder der vielen Fahrradfahrer, die mich überholen. Mehr Sorgen machen mir jedoch die dunklen Wolken, die sich über mir herumtreiben. Bis jetzt hat jedoch kein Regentropfen den Boden erreicht.

Ich durchquere Burg-Höfen und erinnere mich, dass ich Anfang des Jahres hier an einer Schulung über Bosch Elektroantriebe für Fahrräder teilgenommen habe.

Um 14:30 Uhr komme ich am Campingplatz Kirchzarten an, wo mich – wie verabredet – meine Schwester empfängt. Sie hatte sich für eine Mitreise per pedes angemeldet und ich freue mich, dass wir den Aufsteig zum Feldberg gemeinsam bewältigen wollen. Nachdem alle Formalitäten für die Übernachtung erledigt sind, unser Zeltplatz von Autos und Gras befreit ist, checken wir unser Equipment und tragen Dinge zusammen, die wir für die nächsten zwei Tage benötigen. Sehr glücklich nehme ich auch mein Lunchpaket für die nächsten Tage entgegen, das ich meiner Schwester vorausgeschickt hatte. Mein Rucksack gewinnt so wieder deutlich an Inhalt und Gewicht und ich an Sicherheit, nicht zu verhungern. 🙂

Abends gehen wir noch einkaufen; können Himbeeren, Schwamm, Löffel und Zahnbürste in unseren Einkaufsbeutel stecken, gehen aber bei der Suche nach einem Handwaschlappen leider leer aus. Zu meinem Bedauern gelingt es uns auch nicht, kleine Gaskartuschen zu besorgen, die ich eigentlich dringend brauche. So werden die nächsten Tage ein Spiel mit Risiko!

Verlassen kann ich mich auf die Waschmaschinen und Trockner auf dem Campingplatz. Nach kurzem trial-and-error-Verfahren haben wir auch die Bedienung dieser Geräte verstanden und können sogar das neu Gelernte an eine ahnungslose, aber das Neue dankend annehmende Mutter weitergeben, die offensichtlich für die Wäsche ihrer campenden Familie verantwortlich ist oder sich zumindest verantwortlich fühlt.

Mit letzter Kraft gibt der Trockner meine vormals schweißdurchtränkte Wäsche wieder frei und während meine Nase nicht noch tiefer in diese weiche und gut riechende Herrlichkeit hineinsinken kann, wähne ich mich für einen kurzen Augenblick in meinem eigenen Bett mit frisch gewaschener Bettwäsche. Himmlisch! Jetzt noch Duschen und es braucht nichts mehr zum vollendeten Wohlfühlglück.

Vom frühabendlichen Spaßprogramm für Kinder, das am frühen Abend durch den Campingplatz zieht, bekomme ich nicht mehr allzu viel mit. Viel zu sehr kreisen meine Gedanken um das Packkonzept meines Rucksacks, die morgige Route, das zu Neige gehende Campinggas und die angekündigten Niederschläge.

Noch überwiegt jedoch die Freude über das bisher Geschaffte, die vor uns liegenden Ziele und über das, wovon wir jetzt noch gar nichts wissen.

Gute Nacht!


Zwei wollen hoch hinaus – Neunter Tag (6.8.17):

Regen?

Ich ziehe die Stöpsel aus meinen Ohren und vernehme das Prasseln des Regens auf der Außenhaut unserer Zelte.

Regen!

Kurzer Check…

…bei mir ist alles dicht! Meine Schwester, die 2 Meter von mir entfernt in ihrem Zelt liegt, hat auf meine besorgte Nachfrage weniger positive Neuigkeiten. Bei ihr dringt Wasser ins Zelt ein. So ein Mist! Glücklicherweise sind es aber keine großen Mengen, sodass wir in unseren Zelten warten können, bis der Regen nachlässt.

In der Zwischenzeit konnte ich in dem kleinen Laden des Campingplatzes einen Poncho für meine Schwester, Wischlappen für die Zelte und für uns beide ein kleines Frust-Frühstück in Form von Schokocroissant und Kürbiskernbrötchen kaufen.

Nachdem wir uns gestärkt,  die Zelte abgewischt und unsere Rucksäcke gepackt haben, setzen sich um 9:45 Uhr unsere Wanderschuhe kraftvoll in Gang – bereit, den Feldberg zu erklimmen.

Der Regen hat aufgehört, es herrschen 17° C und noch bevor wir die Stadtgrenze hinter uns lassen, gibt uns eine Frau noch Tipps fürs Dehnen von wandergeplagten Füßen. Sie bestätigt meine fragend an sie gerichtete Vermutung, dass sie sich beruflich mit diesem Thema befasst und kurz darauf ziehen wir dankend und erquickt von dannen.

Wir laufen auf wunderschönen Wanderwegen und unsere Beine bewältigen die ersten 700 Höhenmeter zum 1.198 m hohen Hinterwaldkopf ohne Schwierigkeiten. Am Gipfeldenkmal des Freiburger Turnvereins, das zu Ehren der in den Weltkriegen gefallenen Mitgliedern aufgestellt wurde, machen wir bei der sich bereits eingefundenen Wanderergesellschaft eine kurze Pause. Von hier lässt sich der weitere Pfad zum Feldberg erahnen und stolz blicken wir zurück ins Dreisamtal, das wir erst vor 2,5 Stunden hinter uns gelassen haben.

Über Wiesen und schmale Wanderpfade geht es teilweise äußerst steil weiter Richtung höchster Erhebung im größten Mittelgebirge Deutschlands. Wir teilen unsere Kräfte sehr gut ein und kommen weiter gut voran.

Wir treffen auf freilaufende Kühe, die keinen Zweifel daran lassen, dass wir Ihnen völlig gleichgültig sind. Erst als sich meine Schwester einer von ihnen nähert, um sie zu streicheln, nimmt diese Reißaus.

Die Wolken lösen sich auf und die Temperatur steigt. Wir halten oft kurz an und genießen wieder und wieder die atemberaubende Rundumsicht in die Ferne, die ich auch versuche, mit der Kamera einzufangen.

Am Wanderparkplatz Rinken gelangen wir unter den Blicken der offenbar überwiegend motorisiert angekommenen Anwesenden an einen Brunnen und ich nutze die Gelegenheit, um meinen Wasservorrat wieder aufzufüllen. Es sind jetzt nur noch wenige Meter bis zum Gipfel des Feldberges.

Dass wir heute einen super Tag erwischt haben, stellen wir auch fest, als wir auf dem 1.493 m hohen Gipfel ankommen und anhand der Hinweisschilder erfahren, dass es an 2 von 3 Tagen im Jahr auf dem Feldberg Niederschlag gibt. Heute scheint die Sonne in unsere freudestrahlenden Gesichter und Regen ist weit und breit nicht zu sehen. Bei 20° C blicken wir in alle Himmelsrichtungen und erblicken überall sehenswerte Formen und Farben, egal ob Nordschwarzwald, Vogesen, Schwäbische Alb oder die Alpen. Jedes Motiv lädt zum intimen Verweilen ein und eignet sich hervorragend dazu, sämtlichem Stress einen neuen Maßstab zu verpassen, sich der Präsenz des Positiven sowie der eigenen Kraft wieder bewusst zu werden und mit neuem Mut und Tatendrang alle vor einem liegenden Herausforderungen anzupacken.

Eine gute Stunde und viele Fotos später, steigen wir erholt in glücklicher Gemütsverfassung in Richtung Skihang hinab und beobachten aus der Ferne drei schwarze Hunde, die auf unserem Pfad frei herumzulaufen scheinen. Weiter unten stellt sich heraus, dass diese Tiere Schäferhunde sind und versuchen, eine große Herde von Schafen und Ziegen im Zaum zu halten – alles unter den wachsamen, aber entspannten Augen des urig-alten, vollbärtigen Schäfers, der für mich den Eindruck erweckt, als hätte er auf seinem Gipfel im Hochschwarzwald von der Hektik im Tal seit Jahren nichts mehr mitbekommen. Ihn stört es offenbar auch nicht, dass meine Schwester und ich mitten durch seine Herde laufen (müssen), was uns zu meiner Überraschung viel Freude bereitet.

Die Sonne neigt sich bereits gen Westen und als wir den Ort Feldberg rechts liegen lassen und zum schönen Feldsee absteigen, verdunkelt uns zusätzlich das Feldbergmassiv den weiteren Weg zum Nachtlager. Wir laufen noch zwei Kilometer weiter, vorbei an Wiesenflächen, die für unsere Zelte wie gemacht scheinen. Jedoch entscheiden wir uns gegen ein Übertreten der Drahtzäune und suchen weiter nach einer frei zugänglichen Stelle, an der wir idealerweise die Nacht ohne nicht willkommene Besucher verbringen können.

Später finden wir eine Stelle, die für unser nächtliches Quartier geeignet scheint. Es gibt einen halb zugewachsenen Weg, einen nahegelegenen Bach und eine Parkbank. Was will man mehr? Wir schlagen bei anbrechender Dunkelheit unsere Zeltnägel mit Steinen in den verdichteten Wegesrand und statten das undichte Zelt meiner Schwester zusätzlich mit meinem riesigen Poncho aus, der sie vor einem erneuten Wassereinbruch bewahren soll.

Vorm Schlafengehen bereiten wir uns mit meinem restlichen Gas das Abendessen zu. Während wir genüsslich Milchreis als Nachtisch schlabbern, sinnieren wir über die heutigen Erlebnisse und den als vollen Erfolg empfundenen Verlauf der bisherigen Tour, während nebenan der Bach mit seinem monotonen Rauschen dem Abend die richtige Begleitmusik verleiht.

Die Temperatur in diesem Tal fällt dann doch recht zügig stark ab und bevor wir gewaschen in unsere Kojen kriechen, biete ich meiner Schwester meinen Schlafsack an, der auch bei tieferen Temperaturen genügend Körperwärme reflektiert. Meine Kälteempfindlichkeit ist vor allem physiologisch bedingt weniger stark ausgeprägt, sodass mir in dieser Nacht der Sommerschlafsack meiner Schwester vollkommen ausreicht.

Wir sehen uns morgen…Gute Nacht!


Into the wild – Zehnter Tag (7.8.17):

Langsam kann ich mich ans wilde Übernachten im Zelt gewöhnen. Auch gestern Abend dauerte es nicht lang, bis ich eingeschlafen war, weil ich mittlerweile nicht mehr bei jedem leisen Geräusch oder dem eigenen Herzklopfen denke, dass sich des Nachts ein wildes Tier oder Mensch in unmittelbarer Nähe umher treibt. Ich habe sogar festgestellt, dass ich ohne Ohrstöpsel ruhiger schlafe. Nur ein Mal musste ich in der letzten Nacht das Zeltinnere verlassen – blasenbedingt.

6:30 Uhr, ich bin wach! Ich taste mich ab, und aus meinen kalten Fußspitzen schlussfolgere ich, dass meine Schwester eine angenehm warme Nacht gehabt haben muss, was sie mir auch bestätigt, als sich der Reißverschluss ihres Zeltes ein wenig öffnet und sie ihren Kopf samt zerzauster Mähne hinausstreckt.

Uns ist kalt und wir versuchen, die ersten Sonnenstrahlen des Tages, die sich durch die Baumkronen einen Weg in das enge Tal bahnen, einzufangen. An der gleichen Stelle hängen wir unsere Zelte und Schlafsäcke auf, um alles auszulüften und von Morgentau zu befreien.

Derweil pumpe und filtere ich wieder ein paar Liter Trinkwasser, um das Frühstück in Gang zu bringen, das wir daraufhin in Form von Müsli zu uns nehmen.

Um halb zehn schnallen wir unsere Rucksäcke auf und laufen bei leicht abfallender Wegführung in Richtung Titisee. Unterdessen nehmen wir die sich steigernde Präsenz von Dingen wahr, die typischerweise mit Ballungsräumen und touristischen Attraktionen hergehen, wie Autos, Fahrradfahrer, Wanderer, sprich: Menschen!

7 Kilometer haben unsere Beine hinter sich gebracht und nun erblicken unsere Augen bei wolkenlosem Himmel das Glitzern der reflektierten Sonnenstrahlen im Titisee, eingerahmt von Hirschbühl, Bruderhalden- und Heizmannshöhe.

Im Ort, der den Namen des Sees oder umgekehrt geerbt hat, fühlen wir uns mit dem Schwall an Touristen, deren Herkünfte unterschiedlicher nicht sein können, überfordert.

Okay, ich gebe es zu: Es sind zum überwiegenden Teil Menschen aus Asien oder mit asiatischer Abstammung, deren Hang zur Fotografie schon längst Weltkulturerbe sein sollte.

Wir haben Mühe, uns durch die Trauben von Menschen einen Weg zu bahnen und können ihnen letztendlich eine Parkbank abringen, auf der ich den Kocher auspacke, um unser Mittagsmahl vorzubereiten. Mit den vorbeilaufenden Menschen ernten wir mal wieder die ganze Palette menschlicher Empathie – von neidvollem Staunen bis zu bemitleidendem Zücken der Brieftasche. Gut, ich übertreibe wieder…

Genau um 14.08 Uhr setzt sich der Zug, der meine Schwester zurück nach Freiburg bringt, in Gang. Das Eis, das wir zuvor in vollen Zügen verdient genießen, krönt symbolisch unser gemeinsames 2-tägiges Wanderabenteuer. Wir konstatieren uns gegenseitig unsere Freude an diesem Kurztrip und gehen nicht auseinander, bevor wir uns nicht schwören, zu einem späteren Zeitpunkt wieder einmal etwas zusammen zu unternehmen. Vier Essensrationen, die bereits zu diesem Zeitpunkt im Rucksack meiner Schwester stecken und den Heimweg per Bahn antreten, brauche ich für den Rest meiner Wanderung nicht, sodass ich den vor mir liegenden Hochfirst (1.190 m) mit einem Kilogramm weniger besteigen kann.

Der breite und harte Weg macht mir den Aufstieg von 300 Höhenmetern auf 3,5 Kilometer nicht leicht und während kleiner Atempausen drehe ich mich zurück zum Titisee, prüfe die Foto-Tauglichkeit der Aussicht, trinke einen oder sieben Schluck Wasser und komme so Meter für Meter voran. Oben auf dem Gipfel sauge ich die Aussicht auf den wunderschönen See und den am Horizont erkennbaren Feldberg in mich auf und denke daran, dass ich auf dessen noch 300 Meter höheren Gipfel erst vor zwei Tagen stand.

Ich laufe nach Südosten, 500 Höhenmeter und zweieinhalb Stunden bergab und der nächsten Sehenswürdigkeit entgegen, auf die ich mich schon seit meinen ersten Schritten freue.

In Kappel lege ich eine kleine Pause ein, tanke Wasser nach und beobachte das dörfliche Treiben. Weiter geht´s!

Wieder eine halbe Stunde später und plötzlich recken sich meine Mundwinkel gen Ohren. Ich blicke mich um und ich weiß, ich bin in der Wutachschlucht angekommen. Was für ein enges tiefes und uriges Tal sich hier vor mir auftut. Mein Herz springt vor Freude!

Zunächst fehlt mir jedoch kurz die Orientierung und ich muss erst mit meinem Schuh in tiefem Morast versinken, bis ich merke, dass ich an dieser Stelle nicht weiterkomme. Die Uhr zeigt schon 18 Uhr und ich möchte nach 24 gelaufenen Kilometern bald mein Nachtlager aufschlagen. In der Schlucht selbst ist kein Platz und zu viel Wasser fürs Zeltaufschlagen, also tapse ich an der gegenüberliegenden Flanke wieder bergauf und suche im nahegelegenen Wald die Stelle, die ich bei der Planung am heimischen Computer als theoretisch mögliche Schlafstelle ausgemacht habe.

Bis ich den verwachsenen Waldpfad und die dahinterliegende Freifläche oberhalb der Schlucht erkundet habe, vergehen noch einige Minuten. Schlussendlich sieht diese Stelle jedoch für mich ideal aus und ich schlage – schon hungrig – inmitten der Wiese Zelt und Solarzelle auf. Als ich alle Schlafvorbereitungen getroffen habe, zünde ich auf einem benachbarten Baumstumpf den Kocher an und während ich bei einbrechendem Abend das Gemüse Jambalaya schlürfe, lausche ich der Ruhe, die nur vom halbstündlichen Durchrasseln von Zügen auf der gegenüberliegenden Seite der Schlucht unterbrochen wird. „Hoffentlich fahren nachts keine Bahnen mehr“, denke ich bei mir, als ich nach wäscheleinentauglichen Bäumen Ausschau halte.

Ich prüfe die Akkus der UV-Flasche, meines Navis und der Kamera und versuche mit meiner kleinen Solarzelle den letzten Sonnenstrahlen noch ein wenig Energie abzuringen.

Mit leiser Musik untermale ich meine letzten Aufgaben an diesem Abend: Fußpflege und Niederschreiben der heutigen Erlebnisse und Eindrücke.

Schlaf´gut, Maik!


Nachtgespenst mit Happy-End – Elfter Tag (8.8.17):

Außerhalb vom Zelt ist etwas!

Es ist stockfinster und ich werde aus dem Schlaf gerissen. Flachatmig richte ich langsam meinen Oberkörper bis auf die Ellenbogen auf und lausche.

Es vergehen einige Sekunden und…

…da ist es wieder! Ein Geräusch, das erst kaum hörbar und dann ganz schnell lauter wird. So laut, dass der Verursacher nicht mehr als einen halben Meter an mir vorbei galoppiert, beim nächsten Anlauf aber stehen zu bleiben scheint, als würde er auf eine Reaktion oder ein Geräusch von mir warten, was ich unter adrenalingetränkter Anspannung versuche, tunlichst zu vermeiden. Jeder neue Anlauf dieses Tiers festigt meine Gewissheit der physischen Unterlegenheit. Dass ich mich zudem in liegender Position auf Höhe des Waldbodens befinde und die Vibrationen des Galopps mir in Mark und Bein dringen, tragen ihr Übriges zu dieser schaurig-schönen Achterbahn bei.

3 Stunden später vertreibt das erste Sonnenlicht, das sich westwärts um den Erdball bricht, die Nachtgeister vollständig, und es kehrt endlich erlösende Ruhe ein.

Um 7 Uhr öffne ich den Reißverschluss des Zeltes und stecke meinen Kopf hinaus. Die dicken Wolken, die sich über meinem Kopf aufgestaut haben, verheißen einen niederschlagsreichen Tag.

Vom Genuss des Müsli-Frühstücks kann keine Rede sein, als ich es mir in meinen hungrigen Schlund schiebe, um schnellstmöglich wieder auf den Beinen und weit entfernt von diesem Ort und den nächtlichen Geschehnissen zu sein, die sich zum emotionalen Highlight meines gesamten Trips zu mausern scheinen.

Ich steige in froher Erwartung auf eine einmalige Landschaft in die Wutachschlucht hinab und blicke auf mein Navigationsgerät, um mich des richtigen Weges zu vergewissern. Dabei stelle ich erschrocken fest, dass der Akku über Nacht nicht aufgeladen wurde, was er eigentlich hätte tun sollen. Oh je…, muss ich jetzt doch meinen nur unzureichend ausgeprägten Orientierungsfähigkeiten vertrauen?

Ich nutze die restliche Energie im Akku des Navis, um mir einen Überblick auf die gesamte Tagesetappe, die zu laufende Himmelsrichtung und die nächste Stadt zu verschaffen. Mit diesen Informationen wähne ich mich sicher genug, den Tagesmarsch auch ohne digitale Unterstützung zu bewältigen.

Im Grunde genommen habe ich damit Glück im Unglück, denn hier in der Schlucht geht es sowieso nur in zwei Richtungen: Flussabwärts oder flussaufwärts, und da der Schwarzwald hinter mir liegt und ich in die Rheinebene laufe, muss ich dem Fluss Wutach „einfach“ nur bergab folgen und so werde ich mein Ziel schon irgendwann erreichen!

Schon nach wenigen Metern wird mir klar, warum die Wutachschlucht eines der beliebtesten Ziele für abenteuerlustige Fußgänger ist: Der Fluss hat sich über die Jahrtausende tief und eng in das Gestein gegraben, sodass rechts und links von ihm, Bäume und Steine hoch und äußerst steil aufragen. Zudem existieren nahezu keine Zugänge, die mit Fahrzeugen befahren werden können. Selbst zu Fuß ist es eine echte Herausforderung, durch oder über die vom Wasser ausgewaschenen seitlichen Zuflüsse zu balancieren. Bäume, die sich mit ihren Wurzeln nicht mehr in dem steilen Hang halten können, fallen über die schmalen Wanderwege in den Fluss und sind – wenn man Glück hat – im Bereich des Pfades mit der Kettensäge ausgeschnitten. Auch kleine und große Steine, die sich aufgrund niederschlagsreicher Zeiten aus den Hängen lösen, rollen in Richtung Tal und steigern den Schwierigkeitsgrad des Weges ebenfalls immens. Unaufhaltsam und davon unbeeindruckt, gräbt sich die Wutach immer tiefer ins Gestein, getrieben vom stetigen Gefälle, über- oder umspült sie alles, was in ihren Flusslauf fällt. Es passiert jährlich, dass sich Schlammlawinen aus der rechten oder linken Flanke lösen und die Gestalt der Wutachschlucht verändern. Das macht sie so urig, so naturbelassen, so wunderschön! Mehr als ein Mal habe ich das Gefühl, in Kanadas Wäldern unterwegs zu sein, auch weil ich dieses „sich-selbst-überlassen“, wie es hier praktiziert wird, nur äußerst selten in deutschen Wäldern antreffe.

Nach einigen Kilometern und unzähligen neuen Fotos auf meiner Speicherkarte, treffe ich auf immer mehr Menschen, die sich trotz des beginnenden Regens hier tummeln. Zur Mittagszeit mache ich an einem größeren Platz halt, auf dessen Holzbänken sich schon einige Wandergruppen verschiedenen Alters versammelt haben, um die Wutachschlucht flussauf- oder flussabwärts hinter sich zu bringen.

Ich scheitere kläglich dabei, mir mit meinem restlichen Gas Nudeln zuzubereiten. Die Gaspatrone wird leer, noch bevor das Wasser kocht und so sind die Nudeln nur lauwarm und äußerst al dente. Na toll…

An einer sehr flachen Stelle des Flusses, die sich auch vom Weg aus gut  erreichen lässt, filtere ich mir Trinkwasser, das ich sogleich in meine Trinkblase einfülle.

Dies bleibt nicht unbeobachtet und so spricht mich eine junge Frau an, die mich bittet, auch ihre Trinkflasche mit gefiltertem Wasser aus der Wutach zu füllen. Während ich das Wasser aus dem Fluss zapfe, erkundige ich mich nach ihrem Namen und erfahre, dass sie Jöelle heißt, 22 Jahre alt ist und in Freiburg Sport studiert, obwohl sie ursprünglich aus Hamburg stammt.

Wir sprechen über unsere heutigen Wanderziele und stellen fest, dass wir beide in der gleichen Richtung unterwegs sind. Ich frage sie, ob sie etwas dagegen hat, wenn wir die nächsten Kilometer zusammen laufen. Jöelle stimmt zu, schwingt ihren aus meiner Sicht viel zu großen und schweren Rucksack mit einem eleganten Dreh auf ihren Rücken und stapft vor mir los. Ich hänge mich ran und so absolvieren wir die nächsten Kilometer des Weges gemeinsam. Während wir uns hintereinander an dem steilen Gestein und an den entgegenkommenden Wanderern vorbeiquetschen, erfahre ich, dass sie auf dem Weg zu ihren Großeltern ist, die sie am Bodensee mit ihrem Besuch überraschen möchte. „Da werden sie sich sicher freuen“, bestätige ich ihr und staune nicht schlecht, als sie laut darüber nachdenkt, anschließend weiter nach Barcelona zu laufen, wo eine Freundin von ihr wohnt.

Zu zweit verfliegen die Kilometer und wir erreichen bald Ewattingen, wo ich mein nächstes Nachtlager eingeplant habe. Jöelle möchte weiter nach Blumberg laufen und ich überlege, ob ich meinen Kurs ändere, um noch einige Zeit mit ihr unterwegs zu sein. Allerdings stecken mir bereits 20 Kilometer in den Beinen und ich habe auch kein Gas mehr für meinen Kocher und keine Energie für die Akkus meiner Geräte. Die Besorgung dieser essentiellen Dinge bringt mich schließlich dazu, mich von ihr zu verabschieden und ihr für ihre große Reise viel Glück zu wünschen.

Wieder allein unterwegs, mache ich mich daran, den Campingplatz zu finden, der sich etwa einen Kilometer entfernt und oberhalb der Wutachschlucht befinden soll. Als ich nach einigen anstrengenden Höhenmetern im Dorf angekommen bin, sehe ich vieles, aber keinen Campingplatz. Dass es mittlerweile regnet, vereinfacht die Suche in keinster Weise.

Ich frage einen Anwohner nach dem Campingplatz. Der nette Herr teilt mir mit, dass es bis vor 2 Jahren einen Campingplatz gegeben habe.

Scheiße!

Ich trete bereits erbost den Rückmarsch an, als ich von ihm noch den Tipp erhalte, an dem im Tal liegenden Kiosk nach einem Campingplatz zu fragen. Er hat gehört, dass es in der Nähe noch eine Übernachtungsmöglichkeit geben soll, weiß aber nicht genau, ob diese noch existiert und wo sie ist.

Meine Beine müssen einen weiteren Kilometer ertragen, den ich bis zum Kiosk hinter mir lasse. Dort angekommen, kaufe ich mir eine Karte und ein Frust-Eis. Nachdem ich die Karte studiert, das Eis genossen und gründlich über meine Möglichkeiten nachgedacht habe, frage ich die nette Dame im Kiosk nach einer in der Nähe befindlichen Übernachtungsmöglichkeit. Sie bejaht und beschreibt einen privaten Zeltplatz, der sich etwa einen Kilometer bergauf befindet. Dort würden auch Jugendgruppen hin und wieder campieren.

Ich bedanke mich und kämpfe mich daraufhin mit meinen letzten Kräften die Straße hinauf. Als ich nach dem Überschreiten einer mit Fladen übersähten Kuhwiese Zelte erspähe, ist meine Erleichterung sicher im Umkreis von einem Kilometer zu hören.

Nachdem ich an Kühen, Schafen, Zelten und einer kleinen weißen Kirche vorbeigegangen bin, erreiche ich endlich das Wohnhaus der augenscheinlichen Besitzer dieses Grundstückes. Ich klingle…

…und eine kleine, kräftige Frau mit lächelndem Gesicht und grauen Haaren öffnet mir die Tür. Ich schildere ihr meine Situation und sie attestiert mir, dass ich nicht der erste Gestrandete sei, den sie aufnehme und dass sie genau das hat, wonach ich auf der Suche bin, nämlich: Ein Stück Wiese fürs Zelt, eine warme Dusche, eine Steckdose und einen Wasserkocher für mein Abendessen.

Eine Stunde später: Das Zelt ist aufgebaut, ich bin geduscht und umgezogen, der Regen hat aufgehört, die Geräte hängen an der Steckdose und ich sitze mit einer großen, heißen Portion Nudeln Bolognese auf der Veranda meiner Gastgeber und bekomme mein in purer Freude und Dankbarkeit begründetes Grinsen nicht mehr aus dem Gesicht.

Ich bin im Himmel angekommen!


Englisch statt Schweizerdeutsch – Zwölfter Tag (9.8.17):

7 Uhr. Ein Schaf blökt. Maik ist wach!

„Das kann nur der gestern Abend noch so unschuldig drein schauende Schafbock von nebenan sein“, sage ich laut zu mir. Auch als ich schon zusammenpacke, lässt er keinen Zweifel an der Omnipräsenz seines Geltungsbedürfnisses.

Schnell kreisen meine Gedanken allerdings wieder um die heutigen Etappenziele. Dank vollen Akkus kann ich mich jetzt wieder von meinem Navigationsgerät führen lassen. Es zeigt mir den Weg Richtung Süden, weiter an der Wutach entlang, bis zur schweizerischen Grenze. Na dann!

Leider stelle ich später fest, dass mein Pfad zwar parallel zum Fluss verläuft, jedoch in so großem Abstand, dass ich aufgrund wilden Gestrüpps nicht viel vom Wasser sehe. Für das späte Frühstück, leere ich dann auch noch meine Wasserblase vollständig.

Die Schlucht wird allmählich zum Tal und die Höhenunterschiede werden gemäßigter. Auch die Wege werden breiter, sodass man auch gut zu zweit nebeneinander laufen kann. So machen es auch die zwei Frauen, denen ich bereits das zweite Mal begegne. Aus lauter Neugier komme ich nicht umhin, sie nach ihrem Ziel und Ausgangsort zu fragen. Sie, d.h. Mutter und Tochter, möchten den sog. Ostweg bewältigen, der sie von Pforzheim nach Schaffhausen führt. Ich erfahre auch, dass die Tochter die treibende Kraft und der Motivator dieses kühnen Unterfangens ist. Allein hätte die Mutter so etwas nie auf sich genommen, bekennt sie ganz bescheiden. Ihre zahlreichen Blasen an ihren Füßen seien auch schmerzhafte Zeugen ihrer vorsätzlichen Wanderabstinenz. Den auch deshalb verdienten Hotelaufenthalt am heutigen Abend in Stühlingen konnte die Mutter der Tochter dann aber doch abringen.

Gut möglich, dass ich mich täusche, aber wenn ich den beiden so zuhöre, klingt es danach, als ob beide mit diesem Trip mehr als nur die Kilometer zu bewältigen versuchen. Vielleicht eine familiäre Krise? Oder einen Schicksalsschlag, der sie jüngst ereilt hat? Gut möglich, dass sie auch einfach nur Spaß am Abenteuer haben oder die sportliche Herausforderung lieben.
Was auch immer es ist. So ein Fußmarsch heilt und befriedigt vieles! Zumindest verhilft er zu einem gesunden Perspektivenwechsel und tariert die Waage der eigenen Werte neu.

Genau das möchte ich auch für mich erreichen und obwohl ich die Gesellschaft von vernünftigen Menschen schätze und sogar das gleiche Wanderziel habe, wie die beiden Damen, lasse ich sie den Sinn ihrer Erfahrungen selbst finden und setze meinen Weg allein fort.

Nach unzähligen weiteren Schritten auf weichem Waldboden, der sich an seichten Hängen entlangschlängelt und plötzlich am Stühlinger Museumsbahnhof endet, stille ich von Schuhen und Socken befreit, meinen knurrenden Magen mit einer Portion Müsli. Müsli deshalb, weil ich keines der anderen Gerichte ohne kochendes Wasser zubereiten kann und mir dafür aber nach wie vor Gas für den Kocher fehlt. In Stühlingen will ich mir aber an jeder sich mir gebender Gelegenheit nach passenden Gaskartuschen Ausschau halten.

Am Ortseingang stürze ich enthusiastisch in die erste Tankstelle hinein. Leider bekomme ich dort aber kein Gas, ziehe aber mit einem Frust-Eis von dannen. Guter Kompromiss!
Wenige Meter weiter: Ein Baumarkt – meine nächste Chance! Kurz darauf wieder Enttäuschung: Hier gibt es zwar Gaskartuschen, aber nicht die, die ich verwenden kann. Mist! Wenigstens kann ich mir vom Mitarbeiter eine Wegbeschreibung holen, wie ich zu Fuß zum Campingplatz komme, wohin ich mich auch jetzt aufmache.

Dort komme ich gegen 14 Uhr an, studiere die Informationen am kleinen Empfangshäuschen und erfahre, dass die Besitzerin gerade nicht anwesend ist. Ich wähle die angegebene Handynummer, und eine offenbar ältere Frau erklärt mir am Telefon, dass sie in etwa einer Stunde da sein werde, ich aber schon einmal mein Zelt im Eingangsbereich neben dem Kinderspielplatz aufschlagen dürfe.

Wie zugesagt trifft die Campingplatzbesitzerin ein und wir klären das Finanzielle, einschließlich meinem Wunsch, Waschmaschine und Trockner zu nutzen, was mich weitere 5 Euro kostet.

Zuerst gönne ich mir eine warme Dusche und ziehe meine verbleibenden sauberen Sachen an. Alle übrigen durchgeschwitzten Kleidungsstücke übergebe ich daraufhin in die Obhut der Waschmaschine und lasse sie ihren Teil des Jobs erledigen. Ich nutze die freie Zeit, um mich in der Stadt um Abendessen zu bemühen und der Suche nach einer neuen Gaskartusche eine letzte Chance zu geben. Da ab 17 Uhr Regen angesagt ist, versuche ich, alles auf kurzem Wege zu besorgen und klappere nur die unmittelbar zu Fuß erreichbaren Geschäfte ab.

In einem Dönerladen lasse ich mir einen vegetarischen Döner zubereiten, den ich nach dem Verlassen des Ladens einem offensichtlich ebenfalls angereisten Handwerker auf Nachfrage seinerseits empfehlen darf.

Ich gebe die Suche nach einer Gaskartusche auf, nachdem ich wenig später weder in einem Werkzeuggeschäft, noch im Rewe fündig werde. Außerdem werde ich bereits morgen mein Ziel – den Rheinfall in Schaffhausen – erreichen. Bis dahin füttere ich mich mit Lebensmitteln, die keines kochenden Wassers bedürfen.

Im besagten Rewe-Markt finden dann doch noch ein Apfel, Nüsse und ein belegtes Brötchen den Weg in meinen Einkaufswagen und auf dem Rückweg zum Campingplatz, treffe ich wieder auf das Mutter-Tochter-Gespann, denen ich ebenfalls bei ihrer Suche nach Essbarem behilflich sein kann.

Wieder auf dem Campingplatz, nehme ich meine Wäsche aus der Waschmaschine, prüfe olfaktorisch ihren Restschweißlevel und drücke sie nach positivem Befund in den danebenstehenden Trockner.

Auf dem Rückweg zum Zelt bekomme ich mit, wie die offensichtlich nicht sehr gut Englisch sprechende Besitzerin und ein offensichtlich nicht sehr gut Deutsch sprechender Gast versuchen, die Geschäftsbedingungen für Übernachtungen fehlerfrei auszutauschen. Ich laufe ins Blickfeld der Besitzerin und mit verzweifelter Mine fragt sie mich, ob ich des Englischen mächtig bin, was ich mit einem „Ich kann´s ja mal versuchen“ bescheiden zugebe. Nach einem kurzen Übersetzungsintermezzo schließe ich die beiderseits vorhanden Informations- und Verständnislücken. Ich biete zudem dem mit dem Auto aus Spanien angereisten Gast Marcel an, dass er sich bei weiteren Fragen an mich wenden kann.

Als ich eine Stunde später meine Wäsche aus dem Trockner hole, treffe ich wieder auf Marcel, während er offensichtlich schon seit einiger Zeit mit den deutschen Beschriftungen auf den Geräten hadert. Auch hier kann ich ihm das Wesentliche ins Englische übersetzen, wofür er sehr dankbar ist.

Wenige Minuten später bin ich wieder an meinem Zelt, das bereits erfolgreich dem einsetzenden Regen strotzt. Ich verkrieche mich in meinem Schlafsack, ziehe alle vorhandenen Reißverschlüsse bis zum Anschlag zu und beobachte verträumt die kleinen und großen Regentropfen, die auf meinem Zeltdach aufschlagen und an dessen Seite herunterrollen.

Morgen starte ich auf die letzte Etappe meiner Reise.

Ich freue mich!


Das Ende ist erst der Anfang – Dreizehnter Tag (10.8.17):

Der Klang von Regen lässt mich aus meinem ruhigen Schlaf erwachen. Ich prüfe sofort den Innenraum des Zeltes auf Undichtigkeiten, werde aber glücklicherweise nicht fündig. Gutes Zelt! Anschließend sehe ich mir die Vorhersagen für den heutigen Tag an und alle Dienste sind sich einig: Regen, Regen und noch mehr Regen! Schweiz bei Regen, ich komme!

8 Uhr. Ich packe zusammen und überlege, wie ich trotz der Nässe mein Sack und Pack trocken in den Rucksack bekomme. Nach kurzem Überlegen setze ich folgende Taktik in die Tat um: Neben meinem Zelt steht ein überdachter Sandkasten, den ich als Zwischenlager für meine Sachen verwende. Dort lege ich erst einmal alles ab, um mein Zelt grob abzuwischen und zusammenzurollen. Dann packe ich im Sandkasten meinen Rucksack, stülpe mir meinen Poncho über und starte in den Tag.

Direkt oberhalb des Hangs, der an den Campingplatz angrenzt, verläuft die deutsch-schweizerische Grenze, der ich mich nun Schritt für Schritt nähere. Hier und da verhindern zugewachsene Pfade, dass ich die eigentlich geplante Route laufen kann. So verzögert sich mein unbemerkter Grenzübertritt um eine Stunde, den ich ohne Motivationsverlust in Kauf nehme, da der Poncho und die Schuhe hervorragende Arbeit leisten und meine Glieder trocken bleiben, obwohl es mittlerweile stark regnet. Schließlich spuckt mich der Weg oberhalb des Hangs auf einem Feldweg aus, der gleichzeitig die Landesgrenze darstellt, die man nicht als solche erkennt, wenn es einem das Navigationsgerät nicht zeigen würde.

Die seichte Landschaft, die sich hier auf der Schweizer Seite vor mir auftut, ist das Klettgau, dessen Felder und kleine Waldstücke sich hier abwechselnd zeigen, beidseitig gesäumt von leichten Hügeln. In einem kleinen Waldstück komme ich kurz zum Stehen, als sich zwei Rehe in wenigen Metern Entfernung am Wegesrand den Bauch mit Gras vollschlagen. Wenige Sekunden später bemerken sie mich und nehmen Reißaus.

Ich wandere viele Kilometer auf Feldwegen entlang, zwischen Kohl und Sonnenblumen, als ich in der Ferne die beiden Damen von gestern und vorgestern an der Farbe ihrer Rucksäcke wiedererkenne. Einige Abzweigungen später verliere ich sie aber aus dem Blick.

Meine Nahrungsaufnahme beschränkt sich heute zunächst auf ein im Stehen zugenommenes Müsli, das ich mir unter dem Balkon einer geschlossenen Gaststätte im Örtchen Hohbrugg einverleibe. Auf ein Mittagessen verzichte ich heute, da ich gut vorankomme und es mir auch an Kochergas und regensicherem Unterschlupf mangelt. An einer Tränke in Guntmadingen fülle ich – nach bereits 18 gelaufenen Kilometern – meine Reservoirs mit frischem Wasser.

Kurz darauf meldet sich mein Navigationsgerät, das bald wieder aufgeladen werden will. Blöd nur, dass ich noch einige Kilometer zu laufen habe. Ich lege einen Zahn zu, denn Schaffhausen liegt hinter dem nächsten bewaldeten Hügelkamm. In der Stadt selbst, werden mir sicher die Wegweiser helfen, den Rheinfall und den Bahnhof zu finden.

Die Route führt mich 200 Tiefenmeter hinab nach Schaffhausen, das zuerst vorstädtisch ruhig, später aber zunehmend innenstädtisch laut wird. Bereits weit oberhalb des Rheinfalls, fange ich die ersten Motive mit meiner Kamera ein, um keinen Beweis zu verlieren, dass ich wirklich hier bin – es wirklich geschafft habe.

Touristen, Autos, Souvenir-Shops – alles verdichtet sich. Verständlich, denn ich nähere mich einem der drei größten Wasserfälle Europas, dessen Wasser auf 150 Metern Breite 23 Meter tosend in die Tiefe stürzt. Ich genieße die Wassertropfen der Gischt in meinem Gesicht und das laute monotone Rauschen, das alle anderen Geräusche übertönt.

Die Speicherkarte meiner Kamera ächzt unter der Flut an neuen Aufnahmen des Rheinfalls, den ich mal ausschnitthaft, mal in der Totalen auf ihr festzuhalten versuche.

Ein schönes Gefühl. Ich habe es geschafft. Es gibt keinen Berg mehr zu erklimmen, kein Nachtlager mehr zu erreichen, keinen Regen mehr zu überstehen. Alle Herausforderungen sind gemeistert und alle gesteckten Ziele erreicht. Auch das Navi hat keine neuen Herausforderungen mehr, das es mir gleichgültig vor die Nase schieben kann.

Ich lasse den Rheinfall hinter mir und verspüre zunehmend den Drang, mich auf meinen Heimweg zu begeben. So laufe ich schnurstracks den Beschilderungen in der Innenstadt hinterher, die auf den Bahnhof aufmerksam machen. Dort angekommen, löse ich mir verdienterweise ein Erste-Klasse-Ticket nach Hause und nutze die wenigen Minuten vor Zugabfahrt, mich mit kalorienreicher Nahrung aus dem kleinen Supermarkt im Bahnhof zu versorgen.

Mit den letzten Sekunden vor Abfahrt des Zuges hüpfe ich mit meinen sieben Sachen in den IRE und lasse mich zufrieden in den nächstbesten Sitz sinken, um mich auszuruhen und mir Ungesundes in den leeren Wanst zu stopfen.

Leider merke ich bald, dass ich mit diesem Essen meinem Körper zu viel zugemutet habe. Mir wird schwindelig und so vegetiere ich den Rest der Fahrt mit Magenschmerzen und Kreislaufproblemen auf dem Sitz umher, bis ich in Basel in den ICE umsteige, dessen Toilette gleich von Beginn an zu meinem besten Gefährten auf der Fahrt nach Karlsruhe wird. Mir geht´s echt mies!

Die Situation bessert sich auch nicht, als ich nach einem weiteren Umstieg in die S-Bahn, die letzte Etappe meines Heimweges antrete. So muss ich vorzeitig aussteigen, um in einem Restaurant ein weiteres Mal zur Toilette zu gehen. Um 20.45 Uhr komme ich dann tatsächlich an meiner Endhaltestelle an.

Wenige Minuten später liege ich lethargisch in der Badewanne und scheitere beim Versuch, das hinter mir liegende in einen greifbaren Gedanken zu fassen.

Ich will nur noch schlafen!
Im eigenen Bett!
Sofort!