Vorbereitungsphase:

 

Das Fazit meiner letzten zweitägigen Fahrradtour Ende Oktober 2013 von Karlsbad nach Konstanz lautete: „Richtig gut, unbedingt wieder!“

 

Gesagt, getan: Kaum waren die Osterfeiertage in Sichtweite, stellte ich mich mental bereits darauf ein, meinem Fahrrad und mir wieder eine etwas ausgiebigere Tour zu gönnen. Im Grunde genommen war auch diese Tour bereits Bestandteil früherer Planungen, denn im Sommerurlaub soll es auf „große Reise“ gehen und demnach bedurfte es einer Probe-Tour, die insbesondere das Camping mit Zelt sowie volle Packtaschenbeladung beinhaltete. Und über Ostern sollte dieser Test nun vonstatten gehen.

 

Routinemäßig, aber relativ kurzfristig unterzog ich meinem Fahrrad eine kleine Frühjahresinspektion. Diese beinhaltete insbesondere die Reinigung des kompletten Rades, das Kontrollieren der Verschleißteile und einem Ölwechsel in Bremsen und Schaltungsnabe. Während des Checks fiel mein prüfender Blick auf einen Schnitt in der Reifenflanke des hinteren Reifens. Unter Umständen könnte das im Belastungsfall zum plötzlichen Platzen des Reifens führen. Ich entschied mich, es darauf an zu legen und beließ den Reifen auf der Felge. Zur Sicherheit bestellte ich mir aber einen Ersatzreifen, den ich mit auf die Tour nahm. Diesmal hatte ich auch einen Ersatzschlauch dabei, worauf ich letztes Jahr noch verzichtet hatte. Zu guter Letzt schloss ich noch meine Ladestation wieder an, mit der ich mein Navigationsgerät mit „erstrampelter“ Nabendynamo-Energie wieder aufladen kann.

 

Mittlerweile hatte ich mir auch eine Spiegelreflexkamera zugelegt, die dieses Mal für entsprechend gute Bilder sorgen sollte. Die Kameratasche befestigte ich griffbereit am Lenker.

 

Natürlich hatte ich mir die Route sehr detailliert im Navigationsgerät abgespeichert. An solchen Dingen zeigt sich wieder einmal mein planerischer Charakter, ohne das jetzt einer Wertung zu unterziehen.

 

 

Die Abfahrt – Ostermontag, der 21.04.2014:

 

Der Wetterbericht prophezeite gute Aussichten und so startete ich um kurz nach 07:00 Uhr bei 8°C Richtung Nord-Osten nach Pforzheim zum Enztal-Radweg. Es ist jedes Mal wundervoll, in der Früh in die Pedale zu treten, keine Sau auf den Radwegen anzutreffen und der Sonne beim Aufgehen zuzuschauen. So erreichte ich bald Pforzheim und fuhr am ‚Hoyerswerda-Ufer‘ (Insider) parallel zur Enz auf sehr guten Radwegen. Das Zusatzgewicht durch Zelt, Kamera und Wechselkleidung war unmittelbar spürbar, besonders an Anstiegen. Einen Ausgleich dafür bekam man durch die hohe beschleunigte Masse an Gefällstrecken. Im gesamten Verlauf der Tour sollte es nur wenige Höhenmeter geben, was ich zu diesem Zeitpunkt aber noch nicht wusste und mich deshalb fragte, ob ich alle Anstiege ohne Schieben hinauf kommen würde.

 

Flott purzelten die Kilometer und ich machte gut Strecke. Nach Plan sollte ich bis 12:00 Uhr etwa 55 Kilometer schaffen und ich merkte recht schnell, dass das überhaupt kein Problem wird. Um 08:30 empfing mich das Lembergerland mit warmen Sonnenstrahlen und den Weinhängen in der Stadt Roßwag.

 

Um 10:00 erreichte ich das Vormittags-Kilometerpensum und die Radwege füllten sich zunehmend mit weiteren jungen und junggebliebenen Radlern.

 

In Bietigheim-Bissingen bog ich in Richtung Neckar ab und so langsam musste ich für Kaloriennachschub sorgen. Im Gasthaus zur Krone in Ingersheim am Neckar wurde ich fündig. Die Uhr schlug 11:30 Uhr und ich konnte zum Mittag Flädlesuppe, Spätzle sowie 2 alkoholfreie Radler genießen und fühlte mich trotz 14,-€ weniger in der Tasche alles andere als arm.

 

Auf dem Neckartal-Radweg spürte man, dass es Feiertag ist. Viele Radler und Wanderer waren ebenfalls auf der Suche nach dem „Glück im Freien“.

 

In Ludwigsburg begrüßten mich abermals Weinberge – fast hätte ich sie schon vermisst. Der Radweg bot einen perfekten Belag und so war Stuttgart am frühen Nachmittag bereits in Reichweite. Nach ein wenig Innenstadt-Getummel erreichte ich nach 109 Kilometern um 14:45 die Canstatter Wasen in Stuttgart, auf dem gerade ein Volksfest stattfand. In unmittelbarer Reichweite befindet sich das gleichnamige Campingareal, auf dem ich die Nacht verbringen wollte. Na, das kann ja was werden…

 

 

Bevor ich mein Zelt aufstellen konnte, musste ich mich erst einmal um das Organisatorische kümmern, das bedeutet: Einchecken und den Stellplatz bezahlen. Für 14,50€ inkl. Duschen kann man bei Innenstadtlage nicht meckern. Zumindest, wenn man neben einem Volksfest einschlafen kann. Nachdem ich meinen Stellplatz bezahlt hatte, musste ich ihn auch erst einmal einweihen. Die Prämisse dafür stand bereits fest: Dort wo sich das Fahrrad sicher anschließen lässt, steht auch das Zelt. Neben einigen Campinggästen mit Wohnwagen und anderen Kraftfahrzeugen aus Deutschland, Frankreich und der Schweiz fand ich etwas abseits ein schönes Plätzchen für mein 2-Mann-Zelt. Pünktlich zum Beginn des Zeltaufbaus kündigte sich durch leichtes Tröpfeln ein niederschlagsreiches Tiefdruckgebiet an und somit begann ein kleines Wetteifern, wer denn nun das Rennen machen würde – der Regen oder ich?!

 

Neben dem Zeltaufbau musste ich natürlich auch mein Fahrzeug vom Gepäck befreien und alles im Zelt unterbringen. Bis ich selbst im Zelt saß, hatten mich bereits die ersten dicken Tropfen erwischt, in den kommenden zwei Stunden zeigte sich aber, dass es bis dahin insgesamt perfektes Timing war.

 

Nachdem ich im Trockenen saß und mich häuslich einrichtete, regnete es sich ein und so beobachtete ich im weiteren Verlauf des Spätnachmittages durch das Fliegennetz des Zeltes den Regen und ein furchtloses Entenpärchen, das in wenigen Zentimetern Abstand vor dem Zelt posierte.

 

Nach zwei Stunden Regen wurde es Zeit zu duschen und sich umzuziehen. Der Magen knurrte bereits, jedoch machte ich mir über das Abendessen keine Gedanken und schlenderte seelenruhig in Richtung Volksfestplatz. Es war noch hell und verhältnismäßig wenige Menschen auf dem Fest – sicherlich auch aufgrund des Regens. Das konnte mir nur Recht sein, denn so konnte ich mich durch 3 Fressbuden kämpfen. Schupfnudeln, ein Schnitzelbrötchen und einem sehr schmackhaften Heidelbeer-Eisbecher mit echten Früchten später fühlte ich mich rundum wohl und so bestaunte ich tolle und für mich neue Fahrgeschäfte. In weiser Voraussicht hatte ich meine Kamera am Mann und knipste ein wenig umher. Wenig später saß ich im Riesenrad und knipste Stuttgart von oben. Irgendwann hatte ich vom Volksfest genug und nahm mir vor, noch ein wenig die Abendstimmung am Neckar einzufangen, der sich in Fußreichweite befand. Für mich sind das auch gute Gelegenheiten, mich mit der neuen Kamera anzufreunden und die Motivauswahl zu lernen. Einige Zeit später fand ich mich an interessanten Graffitibildern wieder und musste von zwei netten Polizeibeamten auf den gesperrten Bereich hingewiesen werden, den ich daraufhin verließ. Als sich der Uhrzeiger der 22:00 Uhr-Stellung näherte, begann ich den Rückweg zum Campingplatz, schließlich sollten am nächsten Tag wieder mindestens 100 Kilometer auf dem Tacho stehen. Ich schlief trotz Volksfestatmosphäre recht flott ein und freute mich auf den nächsten Tag…

 

 

 

Der zweite Tag – Dienstag, der 22.04.2014:

 

Am nächsten Morgen um 06:00 Uhr krabbelte ich aus den Tiefen des Schlafsacks an die Oberfläche, in denen ich mich in der kühlen Nacht verkrochen hatte. Flott machte ich mich für das Weckduschen bereit und packte danach wieder alles zusammen und ans Rad. Natürlich war das Fahrrad und das Zelt in der Nacht nass geworden. Dem Fahrrad macht das nichts aus, außerdem würde es vom Fahrtwind getrocknet werden. Das Zelt musste ich jedoch feucht einpacken, was kein Problem war, denn dafür ich hatte ich extra eine komplette Tasche am vorderen Gepäckträger reserviert.

 

Um 07:10 fuhr ich los – erst einmal Richtung Frühstück bei einem Bäcker in einem Netto-Markt besorgen. Dort nahm ich 3 belegte Brötchen mit, verspeiste sofort eins und wollte mir für den Rest ein etwas ruhigeres Plätzchen suchen und radelte Richtung Schwäbische Alb, den Neckar an meiner Seite.

 

Nach 10 Kilometern auf Höhe des Achsenwerkes von Mercedes-Benz fand ich eine Möglichkeit, die verbleibenden Brötchen zu essen.

 

Nachdem ich mich eingefahren hatte, fielen schnell wieder die Kilometer meinen Reifen zum Opfer. Die Schwäbische Alb rückte näher – das machte sich am Höhenprofil bemerkbar. Ich blieb aber im Soll und hatte um 12:00 wieder 60 Kilometer auf meinem Display stehen. Durch die Stadt Göppingen sowie davor und danach gehören Radfahrer offenbar nicht in die Verkehrsplanung. Das änderte sich nur geringfügig auf dem Radweg mit dem spannenden Namen „Entlang der schwäbischen Eisenbahnen“.

 

 

Die Beschilderung und Radwegführung schien bis dato entweder noch nicht fertig zu sein oder auch damit wurde ein Göppinger beauftragt. Kurz vor Geislingen (Steige) stand ich vor einer Radweg-Totalsperrung, fand aber mit Hilfe des Navigationsgerätes eine Alternativroute, die man sich jedoch mit einigen Höhenmetern mehr zu erkaufen hatte.

 

Mittlerweile schlug die Uhr 12:30 und der Hunger machte sich bemerkbar. Geislingen schien dafür perfekt, aber machte mir dann einen Strich durch die Rechnung. Erst hinter der Stadt fand ich in einem Tal die „Straub-Mühle“. Dort ließ ich mir auf der Terrasse eine große Portion Käsespätzle und ein alkoholfreies Radler schmecken. Unmittelbar nach dem Essen kündigte sich ein Regenschauer an, der vom offenbaren Besitzer der Mühle als „Schüttler“ betitelt wurde. Schön, dass man auf Radtouren noch die Möglichkeit hat, Bekanntschaft mit fremden Sprachen zu machen, in diesem Fall Schwäbisch.

 

Um 13:30 hörte der Regen auf und so kurbelte ich auf dem schmalen Radweg entlang der Hauptstraße die Schwäbische Alb hinauf. Das wurde mir dann irgendwann zu bunt und so bog ich auf einen Feldweg ab und nahm einen kleinen Umweg in Kauf – dafür ohne LKW-Wasserfontänen.

 

In Amstetten angekommen, zeigte mir die Beschilderung, dass bis Ulm nur noch 30 Kilometer zu fahren waren und so fuhr ich im Lonetal auf einem neuen Radweg Richtung Münsterstadt. Das machte solang Spaß, bis die Beschilderung den Radweg auf einer Landstraße auszeichnete. Aber das war ich dort bereits gewohnt. Nachdem ich über den kleinen Buckel vor Ulm (Ulmer Alb) gekommen war, hoffte ich, einen Blick auf den Münster zu bekommen. Jedoch machte mir meine Orientierungsschwäche einen Strich durch die Rechnung und meine gesamte Aufmerksamkeit fixierte sich auf das Radweg-Wirrwarr vor Ulm. Als ich dann irgendwann mitten in Ulm stand, konnte ich auch das Bild des Münsters nachholen.

 

Mein Ziel war aber noch nicht erreicht und so kamen neben den Verfahr-Kilometern noch einige bis zum eigentlichen Ziel Neu-Ulm Ludwigsfeld hinzu, am Ende des Tages waren es 115 Kilometer. Dort wurde ich von Verwandten herzlich empfangen und wir fanden später auch noch eine Möglichkeit, unsere Bäuche angemessen zu füllen.

 

Die folgende Nacht stellte das Kontrastprogramm zur Vorherigen dar. Ein weiches, warmes Bett und Totenstille. Nach einer Radtour genau das Richtige. Am nächsten Morgen war der Weg zum Ulmer Bahnhof nicht mehr weit und um 08:04 Uhr fuhren mein Rad und ich im Intercity nach Karlsruhe in meine Heimat zurück. Von dort aus waren es noch einmal 30 Kilometer bis nach Hause, plus ein paar Höhenmeter, schließlich war ich ja plötzlich wieder im Schwarzwald. Daheim angekommen stellte ich fest, dass mein Rad und ich super durchgehalten haben. Kein einziger Defekt, aber dennoch müde und glücklich und so konnte ich auch für diese Probe-Tour wieder ein durchweg positives Fazit geben. An die nächste Tour dachte ich nach dem Ankommen noch nicht, denn nun stellte ich mich mental erst einmal aufs Duschen und mein Bett ein. „Richtig gut, unbedingt wieder“ klingt vielleicht mittlerweile abgedroschen, trifft es aber erneut auf den Punkt und beschreibt genau das Glücksgefühl, mit dem der Radler seine Seele am Leben erhält…

 

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