Happy Birthday, Maik. Du wirst 30!

Was gibt´s mit 30? Kreuzfahrt, Party, Grillen, Komasaufen, Tanzen, Theater, Lagerfeuer, Traumreise, Freizeitpark, Jochen Schweizer oder eine neues Auto?

Am besten alles gleichzeitig!

Auf die Gefahr hin auf dem Sterbebett zu bereuen, das Obige nicht gemacht zu haben, lautet auch heute mein Motto „Enjoy the small things!“. Obwohl, so klein ist das Geplante gar nicht. Man könnte sogar sagen, es ist eher übermütig!

Übermut tut selten gut.

…so sagt man. Mit Glück gehört diese Fahrradtour zu den Aktionen, die selten sind aber gut tun. Damit hätten wir schon zwei Dinge, die ich brauche:

Übermut und Glück!

„Nichts leichter als das“, sagte sich der Optimist. Übermut erwächst aus Kreativität; aus dem Bedürfnis zu Entdecken; aus dem Wissen, Unerlebtes noch nicht erlebt zu haben; aus dem Unbefriedigtsein des Alltäglichen.

…und Glück. Glück ist ein Geschenk des Lebens; eine zeitlich und räumlich begrenzte Abfolge von Momenten, die nach eigenen Erfahrungen und Maßstäben als positiv bewertet werden. Natürlich auch im Vergleich zu anderen.


Diese pseudo-philosophische Einleitung musste sein. So halte ich geistesunwillige Zaungäste fern und habe die Möglichkeit, zumindest meine Schriftsprache zu erhalten. Im Alltag findet ja eine RTL-mäßige Verrohung statt und Gelegenheiten sind Osmium-ähnlich selten.

Schnell zurück zum Greifbaren:

2016 jährt sich mein Geburtstag zum dreißigsten Mal. Grund genug, mit Übermut das Glück herauszufordern. 🙂 Bisherige Geburtstage ehrte ich durch ein Tag Befreiung von der Wachstumsmaschinerie à la Merkel. Meinen 30sten hebe ich besonders hervor, indem ich mir eine Woche Freiheit gönne und mit dem Fahrrad nach Hamburg fahre, um dort am Präsenztermin meines Fernlehrgangs zum geprüften Berufspädagogen teilzunehmen.

Die Fakten:

  • 850 Kilometer Strecke in 6 Tagen nach Hamburg
  • 100 Kilometer zusätzliche Strecke als Ausflug an den Nordseestrand
  • 4.500 Höhenmeter
  • Rückfahrt mit dem Intecity ohne Umsteigen

Am Sonntag, den 18.06.16 soll es losgehen und in der Vorbereitungsphase trage ich erheblich zum Traffic der Internetanbieter für Wetterberichte bei. Bisher ist das Wetter sehr wechselhaft und auch in der Tourwoche soll sich daran nur geringfügig etwas in die positive Richtung ändern. Ich gehe also mit der Erwartung auf Tour, Schauer abzubekommen. Aber es ist nur Wasser, oder? 🙂


Der erste Tag [Sonntag, 18.06.16] – Ihr fliegt nach Qatar, ich bleibe hier!

6:00 – der Wecker klingelt, ich stehe auf und starte zuerst meine Musikanlage. Melodic Progressive Death Metal und Sonnenschein am Morgen, kann es denn besser losgehen? Die Sachen sind größtenteils gepackt, nur noch Müll rausbringen und den halben Hausrat am Fahrrad befestigen. …und die Bahntickets nicht vergessen, …und die Ladekabel, …und das Portemonaie, …an was man nicht alles denken muss! An den Herd glücklicherweise nicht, ist ja Induktion! 🙂 Kontrolliert habe ich ihn trotzdem, der Gewohnheit zuliebe. 🙂 Tschüss Wohnung, sei brav!

07:30 – Endlich mit Sack und Pack vor der Haustür und der stets so verheißungsvolle Drücker auf den Startknopf des Navis. Beim ersten Hineintreten spüre ich das Gesamtgewicht und denke mir „uiuiui, das kann ja was werden“. Die ersten 20 Kilometer rolle ich noch über die zarten Hügelchen des Nordschwarzwaldes bis ich in der Rheinebene angelangt, die Fahrgeschwindigkeit auf 20 – 25 km/h steigern kann.

Die Kilometer summieren sich nach und nach. Ich spüre keine Berge (was gut ist!) aber dafür leichten Gegenwind. Die Wegequalität ist überwiegend sehr gut, nur vereinzelt rumple ich über durch Trecker zermanschte, kaum noch als Fahrradweg erkennbare Streckenteile. Der Gedanke an das Wetter schwirrt mir sehr häufig durch den Denkapparat und mit flehendem Blick schaue ich nach oben in den Himmel und erhoffe mir, dass sich die Wolken heute nur um mich kümmern und ihre Nässe für sich behalten.

Die Fahrt geht flott voran und so fahre ich durch Heidelberg, erlebe dabei Marschmusik am Neckar und finde Gefallen an der flachen Topographie. Gegen 13 Uhr und mit mittlerweile 100 hinter mir liegenden Kilometern, gönne ich mir eine Bank unter Bäumen, verspeise Heidelbeeren und zwei Seitenbacher-Riegel und erfreue mich der zahlreichen Ortsansässigen, die mit ihren dicken Brummern in die Natur fahren, um dem Weihnachtsgeschenk für das Kind aka Hund, 15 Minuten Auslauf zu gewähren.

Später erreiche ich die luxuriösen Vororte von Darmstadt und staune nicht schlecht ob der Schlösser und Karossen. Dabei sinniere ich innerlich über die Jobs derjenigen, die dort wohnen. Welchen Beruf mögen sie ausüben, wie stark verschuldet sein, wie beeinflusst das ihre Kinder? Am anderen Ortsende sehe ich dann Plattenbausiedlungen und augenblicklich rückt mein Weltbild wieder in die Waage.

Ich kämpfe mit meinen Kräften und verspüre Hunger. Sofort brauche ich etwas in der Kauleiste. Ich habe die Wahl zwischen einem überfüllten Sonntags-Schicki-Micki-Cafe in der Innenstadt oder einem kleinen sympathischen Dönerladen mit sehr gepflegter Auslage. Die Entscheidung fällt in Nanosekunden. Ich halte am Dönerladen an und zwei nette Türken zaubern mir ebenso viele vegetarische Dürüm zum Mitnehmen, die ich wenig später auf der Bank einer Bushaltestelle verputze. …Mensch, ich habe vergessen, die Soße abzubestellen. Alles trieft!

Ich verfolge den Restkilometerzähler, der sich der 0 nähert. Es geht noch ein bisschen auf und ab und schließlich biege ich mit müden Beinen am Campingplatz Steinrodsee ein. Ich begrüße die in jeder Hinsicht gesellige Rentnerrunde und checke ein. Nach einigen Abstimmungen mit dem Stromanschluss, den ich brauche, beantworteten Fragen zum Ziel meiner Reise und ein paar Euros weniger im Hemd, baue ich mein temporäres Heim auf einer Wiese auf, gehe mich duschen und während ich diese Worte schreibe, chille ich bei Musik von Carbon Based Lifeforms und beobachte sehr tieffliegende Flugzeuge, die den Frankfurter Flughafen als Start oder Ziel haben. Ich zücke meine Kamera, erwische eine Maschine der Qatar Airlines und erlaube mir, mich an meinen 5 qm Zeltwiese mehr zu erfreuen, als an einer Reise nach Qatar.

Ich raffe mich zum Abendessen auf und werde vom benachbarten echten Italiener überrascht. Mit frischem Salat und überbackener Penne mit Zucchini und Aubergine im Magen, krieche ich physisch zu nichts mehr im Stande in meinen Schlafsack.

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Der zweite Tag [Montag, 20.06.16] – Mein Geburtstag ist kein Wunschkonzert

Jetzt ist es offiziell: Heute habe ich 30 Jahre Leben hinter mir und habe ich was draus gemacht? Ja, das ist ein anderes Thema!

6.00 Uhr, Zeit fürs Aufstehen. Campingchip in den Briefkasten und ab die Post! Aua, mein Hintern! Ich spüre, dass ich gestern 9 Stunden auf dem Rad saß. Was soll’s, ich liebe Schmerzen. Außerdem habe ich heute noch was vor.

Mein Ziel ist Homberg (Ohm) und auf den dazu erhältlichen Postkarten sind Hügel. Photoshop ist das allerdings nicht! 1.100 Höhenmeter sollen es am Ende des Tages bei mir sein, bis dahin werden aber noch etliche Kämpfe mit Körper und Geist unumgänglich sein.

In meiner Mittagspause setze ich mich unter große schattenspendende Bäume, lege meine handgewaschenen Klamotten in die Sonne und knabber an meinen Riegelchen rum, bis sich ein älterer Herr zu mir auf die Bank setzt und fröhlich loserzählt. Er hätte diese Bäume gepflanzt und die da hinten auch (Er geht sicher, dass ich die hinteren auch wirklich sehe). Einige seien fast so alt wie er, die meisten habe er ’35 gepflanzt. Das war das Jahr seiner Einschulung. Er lässt mich raten, auf wie alt ich ihn schätze und ich jongliere in meinem gemarterten Kopf wild mit den Zahlen. „Dann müssten Sie 1929 geboren sein“, antworte ich. Er bestätigt und nennt dankenswerterweise gleich noch sein Alter hinterher. 87 Jahre wird er am 4. Juli. Ich will mein Erstaunen zur Kenntnis geben, da erzählt er weiter. 2002 habe er den Umweltpreis bekommen. Ich sehe eine zweite Chance, meine Anerkennung kundzutun. Es gelingt! Später höre ich ihn noch über den Bürgermeister und die Bürokraten vom Umweltamt fluchen. Die haben alle keine Ahnung und könnten seine Enkel sein. Mit dem zweiten hat er bestimmt Recht. Er fragt mich, wie alt ich bin und was ich beruflich mache. Als ich ihm sage, dass ich heute 30 geworden bin, gratuliert er mir mit Handschlag – ein unweigerlich als ernst gemeint zu interpretierender Händedruck. Das ich Menschen die Fahrradtechnik näher bringe, tut er mit einem einfachen „Was es alles gibt“ ab. „Alles klar“, denke ich mir. Mit Weltkrieg, gepflanzten Bäumen und Umweltpreis kann das nicht mithalten. Die verweichlichten 30-jährigen heutzutage, eben. Nach einer geschätzten halben Stunde versuche ich das Gespräch mit den Worten „Ich mach dann mal los, habe ja noch was vor mir“ und einem Dank freundlich zu beenden. Unterstützend sammle ich schon mal meine Kleidung ein. Erich (so heißt er) lässt sich aber davon nicht beeindrucken und erzählt über die Jugend, die doch lieber das Gras mulchen sollte und über von ihm gebaute Brücken, über die Panzer gerollt sind und (wieder) über die „Dummköppe“ in den Ämtern, die ja sowieso alle nur Sesselfurzer sind. Fast überraschend verabschiedet er sich und fährt von dannen. „Eine wirklich coole Sau!“, denke ich im Nachhinein.

Was mich betrifft – um wieder zum Uninteressanten zu kommen: Ich fuhr weiter und weiter und weiter. Die Strategie bei derartigen Strecken ist prinzipiell einfach: Stures Fahren, durch nichts kleinzukriegen sein, Schmerzen überwinden. Dass man sich das an seinem Dreißigsten gibt, zeugt schon von besonderen Bedürfnissen. 🙂

Die letzten 10 Kilometer sind gespickt von Anstiegen, was mir sehr missfällt um nicht zu sagen, es kotzt mich an. Aber hier zählt wieder das oben angeschnittene.

Durch mein voraussichtlich verspätetes Ankommen befürchte ich, dass mich am Campingplatz Homberg (Ohm) niemand empfangen würde und ich wild campen muss. Leider bleibt mein Anruf unbeantwortet. Als ich ankomme, bestätigt sich das Befürchtete: Niemand da! Ich versuche noch mal den Telefonjoker, aber niemand nimmt ab. Also stelle ich mein Zeit illegal auf und werde wenig später von einem wahrscheinlich mehr oder weniger offiziell benannten Stellvertreter begrüßt und er kann mir die wichtigsten Fakten nennen. Ich warte, bis die Besitzer eintreffen, begleiche meine Schulden und bestelle mir anschließend im Ort eine große Pizza Hawai. Leider ist diese nach einer Stunde immernoch nicht zum Verspeisen bereit. Ich rufe nochmals an und ein Italiener mit ausbaufähigen Deutschsprachkenntnissen versichert mir, dass die Pizza in 15 Min. am Campingplatz sei. Nun, das Drama beginnt seinen Lauf zu nehmen, denn auch diese Pizza findet nicht den Weg zu mir. Worauf ich später komme ist, dass der Campingplatz zwei Einfahrten hat und der Pizzamensch wohl beim Anliefern nur die erste Einfahrt anfuhr, obwohl dies nicht der Haupteingang ist, ich aber genau da wartete. Naja, nichtsdestotrotz braucht Maik seine Pizza, also laufe ich in die Stadt (1 km einfach) und blicke in entgeisterte Gesichter, mache kurzen Prozess, bezahle und verschwinde wieder im Regen. Die Pizza esse ich auf dem Weg zurück zum Campingplatz, denn jetzt ist eh schon alles egal.

Was für ein Geburtstag! 🙂

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Der dritte Tag [Dienstag, 21.06.16] – Ich wünschte, heute wäre gestern

5.30 Uhr – Eine erholsame Nacht unter dem Plätschern des Regens auf dem Zelt. Alles was draußen war, ist nass: Fahrrad, Zelt und Kleidung zum „Trocknen“. Keine Panik, denn jetzt regnet es nicht mehr und lieber in der Nacht als am Tag. Von daher, Schwein gehabt!

Die Fahrt geht weiter; durch Täler und Hügel immer auf und ab. Erneut runde 1.000 Höhenmeter sind zu erwarten. Die Richtung ist klar: Kassel. In Neustadt tausche ich Geld gegen Frühstück und beobachte beim Verspeisen das frühe innerstädtische Treiben. Bereits gestern hat sich ein Trick bewährt: Abkürzungen finden, fahren und an den gesparten Kilometer erfreuen. So spare ich mir heute 20 Kilometer.

Vor den ominösen „Kasseler Bergen“ gewarnt und siehe da: Da waren sie. Insgesamt aber nicht so furchteinflößend wie mancherorts im Schwarzwald oder Vogtland. Mit anderen Worten, es geht wirklich gut voran auf insgesamt hervorragenden Wegen. Klar: Höhenmeter knabbern wie gewohnt an den Kraftreserven, dennoch fühlt es sich heute etwas geschmeidiger an. Vor Kassel fahre ich viele Kilometer an der Fulda entlang – fast alles auf dem Aerolenker, da geht es vorwärts!

Irgendwann fällt mir ein, dass ich vor meinen Kollegen hinausposaunt hatte, ich würde bei Rohloff (DEM Nabenschaltungshersteller :)) vorbeifahren, wenn ich in Kassel bin. Der Gedanke durchzuckt mich und schon war ich drauf und dran, auf dem Navi einen geeigneten Weg nach Fuldatal in die Mönchswiese Nr. 11 zu organisieren. Dass dadurch ein Umweg entsteht, ist klar, auch die 100 extra Höhenmeter nehme ich in Kauf – ich will da jetzt unbedingt hin, es ist schließlich zum Greifen nah! Also Schwupp-di-wupp zu Rohloff. Dort angekommen, mache ich zuallererst das obligatorische Beweisfoto – es würde mir ja sonst keiner glauben. 🙂 Dann erspähe ich eine offene Tür und wenig später begrüßt mich Frau Rohloff höchstpersönlich auf ihre Art 🙂 Ich bringe meine Freude zum Ausdruck und bekomme unaufgefordert, ja ich werde gar dazu gezwungen, eine kleine Führung durch die Produktionshalle und kann noch ein paar nette Worte und Trends der nächsten Zeit abgreifen.

Voll geflasht vom Gesehenen, rase ich daraufhin hochmotiviert zum Campingplatz, verspeise Tomatencremesuppe und Käsespätzle und hole das Versäumnis dieses Reiseberichtes auf. Ein herrlicher Tag in jeder Hinsicht, so kann´s weitergehen! Ich wünschte, heute wäre mein Geburtstag.

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Der vierte Tag [Mittwoch, 22.06.16] – Klingeling

Was soll ich sagen, fast wird es schon langweilig: Ich stehe früh auf, packe alles nach einem abgestimmten, gewichtsverlagerungstechnisch optimierten Schema aufs Rad und mixe mir noch 3 Liter Wasser mit Energiepulver, ohne das es nebenbei gesagt mir nicht möglich wäre, solche Streckenlängen in Angriff zu nehmen. Die ersten Tritte in die Pedale haben immer etwas Prophetisch-ehrgeiziges im Sinne von: Auch heute wird es hart, aber ich werde nicht nachgeben. Die Berge oder ich – wer gewinnt, steht von vornherein fest!

Laut Streckenplan sind heute 900 Höhenmeter angesagt. Na, mal sehen…

Vom Campingplatz Knickhagen geht es ins Fuldatal, in dem ich ja gestern bereits unterwegs war. Das eigenbewältigte Vorankommen mit Sack und Pack am geschlängelten Flusslauf entlang kann auch wenig abwechslungsreich sein, ich wollte es erst gar nicht glauben. Was ich morgens noch nicht weiß ist, dass ich 90 Prozent der einhundertneunundvierzig Kilometer eben genau dort unterwegs sein werde. Klar, es gibt schöne Natur, tolle Innenstädte, langsame Radler, aber mir ganz persönlich fehlt da die „fahrtechnische Abwechslung“. Wo sind wir angekommen, dass man sich über so etwas beschwert?! 🙂

Im Gegensatz zum Gro der Radfahrer, denen ich begegne, schätze ich mich „sportlicher“ ein. Das mache ich daran fest, dass ich mehr überhole, als das ich überholt werde; kann aber auch am Altersdurchschnitt des Gros liegen. 🙂 Heute läuft meine Klingel heiß. Viele Damen und Herren reifen Alters fahren mit ihren Elektrofahrrädern und haben es selten voll unter Kontrolle. So ist vielen nicht klar, in welche Richtung sie ausweichen sollen und dieser Entscheidungsprozess an sich führt bei einigen schon fast zum Sturz. Ich behalte es mir auch vor, in Abhängigkeit von Ausweichstil und Schreckhaftigkeit, das obligatorische „Danke“ zu verkneifen. 😉

20 Kilometer vor dem Ziel kündigen sich richtig viele Höhenmeter an und ich denke an meinen bewährten Trick, Abkürzungen zu nehmen. Leider funktioniert das hier nicht, eher andersherum. Soll bedeuten, mehr Strecke, aber weniger Höhenmeter. Ich starre wie gebannt auf das kleine Display des Navigationsgerätes und versuche, das Wunder des Jahrhunderts darin zu finden. Vergebens…, oder zumindest fast. Meine Lösung sieht nun vor, an der Weser bis Rattenfängers Hameln zu fahren und dann den Berg von der Rückseite zu bezwingen, da er dort flacher ist. Gesagt, getan: Ich presse das letzte Quäntchen Kraft aus meinen Beinen und wuchte meinen Hobel auf dem Seitenstreifen einer Bundesstraße in Richtung Coppenbrügge.

Als unterwürfige Dankesgeste biete ich meinem Körper ein grandioses Abendessen bei „Bulut“ an. Er nimmt diese Geste gnädig an und so stelle ich ein Master-Menü zusammen, bestehend aus großem Salatteller, Kartoffelauflauf und Hawai-Eisbecher sowie zwei Wasser. Alles vom Feinsten, sehr zu empfehlen!!!

Ich hau‘ mich jetzt hin, macht ihr doch was ihr wollt. Ist mir grad egal! Und tschüss!

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Der fünfte Tag [Donnerstag, 23.06.16] – Einhundertsiebzig

Ich stehe gerädert und mit dicken Augen auf. Was ist los? Warnzeichen des Körpers oder nur schlecht geschlafen? Ich weiß es nicht, bin ja kein Arzt. Also, kaltes Wasser ins Gesicht und ab die Post.

Beim morgendlichen Zusammenpackritual fällt mir auf, dass etwas fehlt. Meine Assos Radlerhose ist verschwunden! Sie wäre heute eigentlich dran gewesen, meinen Popo zu polstern. Ich versuche mich zu erinnern, wo ich sie das letzte Mal gesehen hatte. Ursprünglich verweilte sie wie üblich zum Trocknen auf den hinteren Gepäcktaschen – mit Expandern fixiert. Ist sie mir gestern vielleicht beim Fahren herausgerutscht oder wurde sie mir in der Nacht gestohlen? Aber wer hätte Interesse an einer stinkenden Radlerhose? Ich verdaue sehr rasch den Verlust und stehe nun vor dem größeren Problem, dass das ausgeklügelte Wechselinterval der beiden Radlerhosen nun nicht mehr funktioniert und ich nur noch eine Freizeithose ohne Polsterung habe. Da die zweite Radlerhose tagsüber auf den Gepäcktaschen trocknen soll, bleibt mir nun nichts anderes übrig, als diese anzuziehen. Ich hatte schon am gestrigen Tag die serienmäßige – zugegebenermaßen spartanische – Polsterung des Sattels mit mehreren Lagen Handtuch etwas komfortabler gestaltet.

Und so fuhr ich los. Es war Hitze angesagt und diese Etappe sollte die längste der ganzen Tour werden. Nun denn…

Die Strecke bietet asphaltierte Rad- und holprige Wirtschaftswege durch kleine Ortschaften des nördlichen Weserberglandes in die Lüneburger Heide hinein. Immer dabei: Kleine Berge. Der Kilometerzähler nimmt seine Aufgabe wacker entgegen.

Wissend, dass ich heute lang unterwegs sein werde, versuche ich schon am Vormittag auf eine ansehnliche Kilometerzahl zu kommen, damit ich nachmittags nicht mehr so viel zu bewältigen habe. Das klappt anfangs auch gar nicht schlecht. Ab dem spätem Vormittag wird es immer wärmer und die Anzeige steigt bis auf 37° C in der Sonne. Die Devise lautet also: Trinken, Trinken, Sonnencreme und das Ganze von vorne.

Ab Kilometer 100 verstärken sich Knieschmerzen im rechten Bein, die sich in den letzten Tagen schon angekündigt hatten. Durch Änderung der Sitzposition und verstärkte Kraftentwicklung des linken Beins ist es erträglich, aber trotzdem sehr unangenehm.

Hitze, Schmerzen und die nicht enden wollende Etappe fordert meine Willenskraft extrem. In Momenten, in denen gefühlt alle Faktoren gegen einen zu arbeiten scheinen, wird über das Maß der Willensstärke entschieden und ich glaube, insbesondere heute habe ich einen starken Willen bewiesen! Wäre ich Außenstehender, würde ich vielleicht dazu tendieren, Begrifflichkeiten zu verwenden wie z.B. Sturheit, Trotz, Überstrapazierung, Arroganz, Übereifer, Ehrgeiz ohne Rücksicht auf Verluste oder Ähnliches. Aber so bleibt es beim starken Willen.

Für den Abend sind schwere Gewitter über Norddeutschland vorhergesagt, die die schwüle Hitze vertreiben sollen. Bis dahin will ich am absolut erstklassigen(!) Campingplatz Lüneburger Heide eingecheckt haben. Es klappt auch – nach 170 gefahrenen Kilometern. So viel bin ich noch nie an einem Tag Rad gefahren!

Ab etwa 23.00 Uhr fängt es an zu grummeln und dem Wetterradar entnehme ich, dass sich eine heftige Gewitterzelle auf den Norden – also auf mich – zubewegt. Ich will abwarten, wie sie sich entwickelt und mir dann je nach Heftigkeit die Option offenhalten, in ein befestigtes Gebäude des Campingplatzes zu flüchten. Ich habe mein Zelt neben einem Baum aufgeschlagen und befürchte einen Blitzeinschlag. Das Unwetter wird sehr heftig und so ziehe ich die Reißverschlüsse des Zeltes bis auf Anschlag zu und verschwinde in ein subjektiv sichereren Unterschlupf. Als ich das mache, schlägt die Uhr 3.00 Uhr nachts! Nach dem Gewitter gehe ich für die verbleibenden 2 Stunden Schlaf zurück ins Zelt.

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Der sechste Tag [Freitag, 24.06.16] – Willkommensgruß der hamburgerischen Exekutive

Trotz wenig Schlaf gelingt es mir, mich rasch reisefertig zu machen. Die letzte Etappe bricht an und zuerst ist das Wetter noch freundlich und der Himmel zeigt sich von seiner blauen Seite. Die Fahrt führt mich durch die Lüneburger Heide und wider Erwarten hält sie einige Hügel parat, sodass sich die Höhenmeter schnell aufaddieren. Wer hätte das gedacht?

Im Laufe des Vormittags sind weitere zwei Gewitter im Hamburger Raum unterwegs, allerdings kann ich es mir nicht erlauben, längere Zeit irgendwo zu verweilen, da ich am Nachmittag in Hamburg terminlich verabredet bin. So fahre ich mit Frischhaltefolie um die Fahrradschuhe gewickelt (Nasse Füße beim Radfahren sind widerlich!) bei leichtem Gewitter und Regen weiter. Zweimal halte ich an, stelle mich unter und warte, bis der vorübergehend starke Regen wieder nachlässt. Ich erblicke auf den Wegen viele durch den Sturm heruntergefallene Äste und ein paar umgestürzte kleinere Bäume und schließe daraus, dass das Nachtgewitter doch eine gewisse Heftigkeit gehabt haben muss.

Ich werde durch viele kleine Ortschaften geführt, die meisten mit Häusern aus rotem Ziegelstein. Vereinzelt sehe ich schon Schilfbedachung und ich treffe sogar auf alte Mühlen. Ich bin also schlussendlich im Norden der Republik angekommen. Erst ab 58 von 85 heute zu absolvierenden Kilometern spricht auch die Topographie eine eindeutige Sprache. Ein weiteres Indiz: Zusätzlich auf Plattdeutsch angeschriebene Ortsnamen.

Später macht mir wieder mein Knie zu schaffen. Erst in Hamburg tritt die Konzentration auf den Verkehr und die Orientierungssuche in den Vordergrund.

Hamburg ist beeindruckend! Alles hier ist groß: Die LKW, die Schiffe, die Brücken, die Häuser usw. Ich sehe mich wirklich als Stadtmensch, aber das hier ist wirklich eine andere Größenordnung und ich brauche ein Weile, bis ich mich mit dem Schilderwald, den Umleitungen und Verkehsgepflogenheiten einer Großstadt vertraut gemacht habe. Bezüglich dem letzten Punkt drücke ich es mal diplomatisch aus: Die Rücksichtnahme lässt stark zu wünschen übrig.

Als persönlichen Willkommensgruß der Hamburger Polizei erhalte ich eine Belehrung bezüglich des Fahrens mit dem Fahrrad entgegen einer Einbahnstraße im alten Elbtunnel – das Ganze vor Publikum. Ich fühle mich ins Mittelalter zurückversetzt, in die Zeit, als der Pranger noch als sinnvolles Bestrafungsinstrument angesehen wurde. Unter Scham setze ich meine Reise fort.

Ich brauche allein für die Durchquerung Hamburgs über eine Stunde, bis ich an meinem Ziel – dem Radisson Park Inn Hotel – angelangt bin, welches im nordwestlichen Stadtteil Hamburg-Schnelsen liegt.

Dort komme ich um 13.30 an und dies stellt den Endpunkt meiner Reise dar.

Den geplanten Ausflug an die Nordsee habe ich aus Zeit- und körperlichen Gründen abgeblasen.

Eine Nacht im 4 Sterne Hotel, die nächste wieder im Zelt. Am Sonntag geht’s mit dem Intercity zurück nach Karlsruhe.

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What a trip! 🙂