Von KA nach KA | Radtour-Livebericht

Endlich! In diesem Jahr geht’s los! Die bereits für letztes Jahr geplante große Fahrradtour findet nun statt. Die Fahrt steht unter dem Motto:

Von meiner neuen in meine alte Heimat.

Quasi: Von West nach Ost oder von KA(rlsbad) nach KA(menz). Über 800 Kilometer auf Fern- und normalen Radwegen, an Flüssen entlang, durch Täler hindurch und über Höhen hinweg. Ich werde an Enz, Neckar, Kocher, Tauber, Aisch, Main, Wiesent, Saale, Regnitz, Elster, Mulde, Chemnitz, Flöha, Weisseritz und Elbe den Schwarzwald, die Fränkische Alb und das Fichtel- und Erzgebirge befahren und dabei die Luft von 100 bis 700 m über NN schnuppern.

Der August – und damit mein Sommerurlaub – kommt unaufhaltsam näher und darum beginne ich bereits im Juni mit den Vorbereitungen:

  • Die im letzten Jahr angelegte Strecke für mein Navi nochmals verfeinern und Campingplätze/Unterkünfte finden.
  • Technisches Update und Verschleißreparaturen an meinem Fahrrad.
  • Zum Aufbau eines kleinen finanziellen Polsters die Shoppinglaune in Zaum halten. 😉

Noch vor’m Startschuss kam die Frage auf, wie ich nach etwa 2 Wochen Radtour die Eindrücke in einen Bericht vefassen solle. So viel Informationen, Eindrücke und Gefühle könnte ich danach gar nicht angemessen in Worte fassen und so kam ich auf die Idee, diesmal die Möglichkeit der neuen Medien intensiver zu nutzen und zwar in Form eines Liveberichtes über mein Smartphone. So kann ich jeden Abend im Zelt die Eindrücke des Tages zusammenfassen und in diesen Bericht hochladen. Toll! 🙂


Auf in’s Abenteuer – Tag 1 (2.8.15):

5:30 Uhr – ich bin wach und fühle mich gut. In Bietigheim merke ich, dass ich schon wieder zu schnell bin. Ich versuch‘ mal nen Gang runter zu schalten. Klappt sowieso nicht…

…sag‘ ich ja! Um kurz nach Eins und mittlerweile 93 Kilometern erreiche ich die Innenstadt von Heilbronn und bestelle mir im Bistro „Hans im Glück“ einen „Edelster“, was nichts anderes ist, als ein vegetarischer Burger mit Walnussbratling, Gorgonzolasoße, Kirschtomaten und Rauke (?). Also erstmal ’ne Stunde Pause!

Nach dem schmeckenden Mahl, schiebe ich das Rad kurz durch Heilbronn und sitze wenige hundert Meter weiter wieder im Sattel. Mein Nachtquartier – der Campingplatz am Breitenauer See – liegt nur noch 20 Kilometer entfernt, stemmt sich aber noch mit der Unterstützung von einigen Höhenmetern gegen ein entspanntes Ankommen. Auf den letzten Kilometern machen sich Ermüdungserscheinungen breit und ich frage mich, ob ich den Rest der Tour durchhalte. Am Ziel erfahre ich, dass man 2,50 € für den Zugang zum See bezahlen muss. Wenig später checke ich in den Campingplatz ein und staune über die Luxusausstattung mancher „Glam(orous Cam)per“. Der Zeltplatz ist leicht abschüssig und so bietet sich die Möglichkeit, den Erholungstipp eines Radprofis – mit dem Kopf nach unten zu schlafen – auszuprobieren. Am Abend gönne ich mir noch eine Runde zu Fuß und mit Kamera um den See. 21 Uhr schlägt die Uhr, als ich müde, aber zufrieden meinen geschundenen Körper auf der Iso-Matte ausbreite. Gute Nacht!

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Kurbeln, kurbeln, kurbeln – Tag 2 (3.8.15):

6:00 Uhr – Eine schöne Nacht bei offenem Zelt und mir geht’s gut, von den üblichen Schmerzen abgesehen, die man am nächsten Morgen eben so hat. 😉

Ich sattle mein Rad, fülle meine Flaschen und um 7:20 Uhr heißt es: Ab die Post! Unerwarteterweise liegen insgesamt drei Flußtäler quer zu meiner Route und das „grandiose“ daran ist, dass ich jedes Mal ganz runter und wieder rauf muss – mit ca. 150 Kilogramm Gesamtgewicht! Ich hab‘ es ja nicht anders gewollt und wenn der Wirt des Mittagstisches beim Erkundigen des heutigen Startortes nur Fragezeichen sieht, ist doch alles paletti, oder? 🙂

Aber auch insgesamt ging es heute eher gemächlich zu. Am Nachmittag fuhr ich bei bis zu 35 Grad Celsius an abgeernteten Feldern entlang, was für ein Spaß! Dabei fällt mir ein: Die Entscheidung, einen aerodynamischen Lenkeraufsatz zu montieren, war gut. So spare ich Energie und es lassen sich im Laufe eines Radeltages verschiedene Sitzpositionen verwirklichen. Auf jeden Fall war es wieder anstrengend, aber nachdem ich meinen Reifen ein Luftdruck-Update (HR: 5,5 VR: 4,5 bar) gegönnt habe, liefen die Restkilometer fast wie geschmiert.

Um 16:15 Uhr erreichte ich den Campingplatz Tauber Idyll, bekam gerade noch so einen Platz und mittlerweile verlief das Folgende vollautomatisch: Zeltaufbau, Duschen, Ausruhen, Essen und Gute Nacht!

Hatte ich erwähnt, dass ich nun in Bayern bin? Schon irgendwie anders…

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Scheideweg – Tag 3 (4.8.15):

Wieder eine erholsame und frische Nacht. Weder Italiener, noch Niederländer oder Deutsche vermochten, meine Nachtruhe zu stören. Etwas routinierter klappt heute das morgendliche Zusammenpacken. Als letzte Tat vor Ort mische ich in meinen Trinkflaschen knapp drei Liter Wasser mit Elektrolytpulver, meine tägliche Vormittagsration. 6:50 Uhr, los geht’s!

Den Franken muss man zu Gute halten, dass sie entgegen den negativen Äußerungen ihrer südlichen Kollegen, radlerfreundliche Wege und Topographie vorweisen können und nicht zuletzt haben sie eine leckere Küche. Nach einem guten Vormittagslauf gab es im Restaurant Aischblick unter schattigen Bäumen leckere Vollkorn Bärlauch-Spätzle mit Röstzwiebeln und Salat, dazu ein stilles großes Wasser.

Ruck Zuck näherte sich der Kilometerstand den 100 und 8 Kilometer weiter fuhr ich in den Campingplatz des Caravan-Clubs Forchheim ein. Eine nette Begrüßung, aber Ameisen im Boden. Beides wäre wohl zu viel verlangt. 🙂 Ich scheute den Aufwand, mein Geld in 50 Cent Münzen zu tauschen, denn kalt duschen hat auch seinen Reiz.

Ich bin die ersten drei Tage einer Regenfront davongefahren, deren Abklingen heute Abend durch vereinzelt kräftige Böen und ein paar Minitropfen zu spüren gewesen ist.

Ekelhafte Hitze im Zelt verschaffte mir Unbehagen und so fand ich nach ein wenig hin und her ein ruhiges Plätzchen mit Bank und Tisch am Main-Donau Kanal, an dem ich vor allem meinen Beinen verdiente Ruhe gönnte und nebenbei diese Worte schreibe. Morgen ist das Fichtelgebirge dran, yieehaa! 🙂

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Ihr kriegt mich nicht klein – Tag 4 (5.8.15):

Man, was für ein Tag! Aber eins nach dem anderen. Ich stand wieder um 6 Uhr auf, packte zusammen, killte noch ein paar Ameisen, die sich in mein Zelt verirrt hatten. Das Übliche eben. Dann fuhr ich Richtung Nord-West und knallte gleich gegen eine Rampe. Hoppala! Auf einmal war da die Fränkische Schweiz, hatte ich sie doch gestern im Bericht völlig vergessen. Die Rache dafür folgte zugleich, denn die erste heftige Steigung war nicht mehr fahrbar und so schob ich. Eine wirklich tolle Überraschung so früh am Morgen. Laaange Zeit später war ich auf dem höchsten Punkt angekommen und erhoffte mir ein schönes Fotomotiv ins Tal, aber Gestrüpp versperrte die Sicht. So kann’s weiter gehen! 🙁

Den ganzen lieben Vormittag fand man mich immer wieder an irgendwelchen Steigungen, mitten im Nirgendwo – schwer keuchend, mal wild, mal halbtod in die Pedale stampfend. Der nächste „Höhepunkt“ ließ nicht lange auf sich warten: Ich fuhr in einem Tal der Fränkischen Schweiz fröhlich vor mich hin und folgte der Wegkennzeichnung des Navigationsgerätes. Das Navi zeigte links, aber da war kein Weg! OK, nix Neues, ich nehme eben die nächste Ausfahrt. Erst ein paar Kilometer weiter, ließen sich Bahnschiene und Fluß überqueren und den Weg auf der Landstraßenseite in umgekehrter Richtung in Angriff nehmen. An der ursprünglichen Abbiegestelle offenbarte sich diesmal eine Brücke mit allem Pi Pa Po. Ich sollte viel öfter Perspektivwechsel ausprobieren. Die dann folgende Bergkammüberquerung bleibt aus Gründen der Unbeschreibbarkeit im Kopfkino des Autors. 😉
In Bayreuth verschlang ich eine große vegetarische Pizza. Die Sehenswürdigkeiten der Stadt waren mir keinen Umweg wert und basta!

Angesichts der bisher erbrachten körperlichen Leistungen, fuhr ich erstaunt sportlich ins Fichtelgebirge hinein, oder sollte ich hinauf schreiben? Am weißen Main entlang, pflügte ich mich auf einem perfekten Radweg die letzten Höhenmeter bis knapp unter 600 m ü. NN zum Gasthof Am Maintal, dessen Gastwirt eine eigene Geschichte Wert ist. Die darf aber ein anderer schreiben. 🙂
Für mich gibt’s jetzt erstmal das erste echte Bett + Frühstück seit 400 Kilometern.

Eigentlich ein nicht in Worte zu fassender Tag. Danach bin ich bereit für’s beste Bundesland der Welt:

Sachsen, ich komme!

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Elektrolytmangel in Bruthitze – Tag 5  (6.8.15):

Eigentlich ist der Tag mit einem reichhaltigen Frühstück im Maintal gut gestartet. Danach traf ein, was ich befürchtete: Höhenmeter ohne Warmfahren! Naja, einfach „wegstrampeln“! Das ging dann bis 700 m ü. NN. Dann, auf ruhigen Wegen, vernahm ich ein Geräusch, was durch einen Fremdkörper im Profil verursacht werden musste. Ich schaute nach und staunte nicht schlecht: Ein Stück rostiger Nagel durchspießte den Reifen. Sollte dies meine erste Panne sein? Ich fuhr kurz weiter und sinnierte innerlich über die Optionen: Rausziehen mit evtl. sofortigem Luftverlust oder drin belassen und den Nagel als „Dichtung“ verwenden. Ich glaubte letztendlich daran, dass der Nagel im Reifen mehr Schaden verursachte und entschied mich, ihn zu entfernen und mit Glück war nur das Profil verletzt, die tragende Karkasse aber intakt. Ich vollzog die Operation und siehe da, kein Luftverlust. Danke, Schwalbe! 🙂

Die Strecke bis Plauen verlief auf unterschiedlichstem Bodenbelag auf und ab und auf und ab usw., trotzdem kam ich gut voran. Solange, bis ich – und das war neu für mich auf dieser Tour – einen Energieverlust spürte. Warum? Mein Elektrolytpulver war seit gestern leer und aus purem Wasser kommt keine Ausdauerenergie. Mist! Bis Plauen und somit die Möglichkeit, an meine „Drogen“ zu kommen, war es noch ein ganzes Stück. Energieriegel vom Seitenbacher und Gel brachten kein zufriedenstellendes Ergebnis, ich war einfach ausgepowert. So pedalierte ich langsam und kraftlos durch den Vogtlandkreis.

In Plauen angekommen, suchte ich ein Fitnessstudio; eine sichere Quelle für Produkte dieser Art. Ich fand eins, kaufte das Zeug und machte mich auf in Richtung Talsperre Pöhl. Talsperren sperren das Tal vor Wasser ab, also liegen sie oberhalb. Was heißt das für einen ausgelaugten Radler? Ein paar oder auch mal mehr Höhenmeter zum verdienten Glück. Endlich angekommen am Campingplatz Gunzenberg, ein sehr schöner übrigens. Mein Abendessen toppt alles, so viel ist sicher! 🙂

Bis morgen dann. Falls mich jemand sucht, ich bin am See.

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Auf und ab bei 40 Grad – Tag 6 (7.8.15):

Ja, mit dem Titel ist eigentlich alles gesagt. Das war’s. Gute Nacht!

Die eine oder andere Sache hätte ich dann aber doch:

Die Talsperre Pöhl bot mir um kurz nach 6 Uhr eine erfrischende Abkühlung zum Wachwerden. Ich packte in aller Seelenruhe zusammen, quatschte mit meinem Zeltnachbarn – ein motorisierter Zweiradkumpane – noch über Zahnriemen und andere Dinge, um dann um 8 Uhr abzuziehen, Richtung Gera.

Jaja, das Vogtland. Hier kennt man kein Mittelmaß. Entweder geht es straff bergauf oder straff bergab, nicht mal etwas gemächlicher, damit die Motivation eines Radlers nicht gleich unter Null sinkt. Aber was will man machen und so sind es schon innerhalb der ersten 40 Kilometer satte 1.000 Höhenmeter.

Zu guter Letzt noch ein paar Worte zum sogenannten „Elsterradweg“. Auf der Strecke von Greiz nach Wünschendorf ist dieser „Radweg“ die Plaste-Elaste-Wegschilder nicht wert, auf denen er steht. Einfach schmale, ausgesetzte, durchfurchte und mit Monsterkieseln bestückte Wanderwege als Radwege zu deklarieren, funktioniert einfach nicht. Jedenfalls nicht, wenn man damit Alltagsradler/zahlungskräftige Kunden locken möchte. So nicht, Freunde! 😉

Heute Abend übernachte ich bei Verwandtschaft. Ein super Abendessen und Bett sind mir sicher.

Morgen geht’s bei Gluthitze nach Chemnitz!

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High-Speed-Strecke und humane Buckel – Tag 7 (8.8.15):

Ausgeruht und wach ging’s heute nach Osten. Laut Höhenprofil, sollten sich kaum bis keine Rampen auf dem Weg befinden und so war es dann auch. Über viele Kilometer hinweg, lag ich auf dem Aerolenker und raste durch kleine sächsische Ortschaften. Die vorhandenen Hügelchen überrollte ich oft mit der aus der Hangabtriebskraft entstandenen Energie vom Gefälle zuvor. Was mich freute: Ich sah überraschend viele sportliche Radfahrer auf Sachsens Straßen. Fehlt nur noch der engagierte Ausbau der Infrastruktur, wa? 😉
Kurz vor Chemnitz faltete sich die Erdoberfläche etwas stärker auf, nicht ganz im Stil vom Vogtland, aber es gab doch ein spürbares Auf und Ab. Im Unterschied zu meinem oben genannten neuen Feind, waren die Buckel heute alle gut fahrbar, da erstens nicht so steil und zweitens nicht so unendlich lang. Das sich auch bei humanen Buckeln die Höhenmeter aufaddieren, versteht jeder, der schonmal an einer Rampe zu sich und seinen Grenzen gefunden hat.

Summa summarum: 12:30 Uhr und ich fahre am Campingplatz Rabenstein bei Chemnitz ein. Nebeneffekt dabei: Die Temperaturen des heutigen Nachmittages muss ich mir nicht mehr auf der Straße antun. Ach ja, der Campingplatz: Ein sehr natürlich gehaltener, schön gelegener Platz mit der Freiheit, seinen Zeltplatz selbst auswählen zu dürfen – absolut keine Selbstverständlichkeit. Für mich bedeutet das heute, eine schattige Wiese für mich allein! 🙂 Ob die kulinarischen Köstlichkeiten der benachbarten „Wurzelschänke“ das Niveau der bisherigen Gaumenreise halten oder toppen können, schmeckt sich heute Abend.

Morgen ist Drääsdn dran! 🙂

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Wer die Buckel nicht ehrt, ist die Rampen nicht wert – Tag 8 (9.8.16):

Ich habe heute wieder gut geschlafen und bin erst um 8:20 Uhr los, da nur 86 Kilometer zu fahren waren. Mit vielen Höhenmetern rechnete ich nicht und täuschte mich dabei so sehr. Im Süden Sachsens gibt es den Katzenbuckel und die Augustusburg sowie einige weitere Höhenlagen. Fürs Auge sehr schön anzusehen, für die Beine jedoch äußerst strapaziös. Auf dem vorletzten Teilstück der gesamten Tour wurde mir nochmal bewusst, dass ich zu viel Gewicht mitschleppte. Nicht nur mein eigenes, sondern insbesondere Kleidung hatte ich viel zu viel dabei. Man lernt jeden Tag! 🙂

Schön, mal wieder in Dresden zu sein. Ich besuche dabei einen Freund aus der Realschule, bei dem ich auch gleich übernachte.
Noch einmal schlafen, dann bin ich am Ziel meiner Reise!

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Ausrollen – Tag 9 (11.8.15):

Aufmerksame Leser erkennen hier eine chronologische Lücke. Ich habe mir spontan für den Besuch bei meinem Freund eine weitere Nacht eingeräumt – wenn man sich Jahre nicht gesehen hat, gibt es viel zu erzählen und zuzuhören.

Heute nahm ich dann das letzte Teilstück meiner Reise auf mich – von Dresden nach Kamenz, round about 55 Kilometer und 500 Höhenmeter. Der Hochsommer ist nach wie vor aktiv und somit reiht sich auch der heutige Tag in die Riege des Schwitzmarathons ein.

Erst nach 10 Uhr machte ich mich durch die schöne, aber touristenüberflutete Dresdner Altstadt in Richtung alte Heimat auf. Ein paar kleine Rampen gab es zu erklimmen, die aber nur die kleinen Geschwister der Vorangegangen sein können. Psychologisch stellten sie dennoch eine Herausforderung dar. Das Wissen um zu viel unnötiges Gepäck und das herannahende Ende der Tour, steigern die Wirkung dieser Anstiege. Aber das ist alles eine Frage der Kopfstrategie.

13:30 Uhr fuhr ich gebräunt, mit Schmerzen in Beinen und Sitzfleisch sowie seelisch geheilt, ins Ziel ein; wohlwissend, dass Stolz und Euphorie über das Geschaffte erst verzögert eintreten werden.

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Persönliches Resümee des Gesamten (19.8.15):

Auch wenn das Folgende hier und da allgemein und unpersonifiziert geschrieben ist, so entsprechen alle Aussagen meinem persönlichen Empfinden.

Wie geht man bei der Rückblende eines so alltagsfernen Erlebnisses wie diesem vor? Man kann doch sonst tagtäglich das eigene Wirken und Beugen recht zügig auf einen gemeinsamen Nenner bringen. Soviel steht fest: Ich habe vor mir ein virtuelles unbeschriebenes Blatt ausgebreitet und der Cursor blinkt geduldig vor sich hin, als würde er sagen wollen: „Ja, was ist nun? Erst behelligst Du alle mit Deinem Fahrradgequatsche und jetzt vermagst Du es nicht, dieses Frischlufterlebnis in ein wohnzimmertaugliches Format zu übersetzen!? Komm schon, fütter‘ mich!“ Also gut…

Zeitlich betrachtet – insbesondere im Hinblick auf die in dieser Woche niedergehenden Niederschlagsmengen über Mitteldeutschland – hatte ich mit Anfang August den perfekten Zeitraum für eine Fahrradtour erwischt. Zwar war es nahezu die gesamte Zeit brütend und mitunter grenzwertig heiß, allerdings stünde mir zur Zeit als Alternative wohl ein anderes Extrem als tägliche Herausforderung gegenüber. Ich erinnere mich an die unbefestigten Wege mancherorts, die an sich schon schwierig zu fahren waren. Wieviel Spaß ich wohl bei aufgeweichtem Boden plus Wasser von oben gehabt hätte? Vermutlich nicht besonders viel. Hinzu kommt, dass die Mittelgebirge Deutschlands nicht aus Zucker gebaut sind, das heißt, Schweiß von innen käme zum oben genannten hinzu und aus dem Ganzen entstünde ein seltsames Gebräu, auf das ich jetzt im Interesse der Leserschaft nicht näher eingehe. Noch zwei Punkte, die gegen eine Tour bei Dauerregen sprechen: Wie baue ich das Zelt im strömenden Regen auf und wie trockne ich meine Sachen? Keine Ahnung, aber nein danke!

Der Extremsommer ist also diesmal ausnahmsweise das geringere Übel. So könnte, ich wiederhole: KÖNNTE man die täglichen Betätigungen auf ein erträgliches Maß reduzieren und mit literweise Sonnecreme auf der Haut und mindestens so viel Wasser im Magen ließe sich der Tag dann ganz gut überleben. Naja, zumindest das mit der Sonnencreme und dem Wasser habe ich geschafft…

Ich blende im Folgenden die negativen Seiten am Hochsommer komplett aus, schließlich habe ich darüber schon genug gemeckert. Was bleibt, ist eine knapp 10 Tage andauernde und sich täglich wiederholende Routine aus sportlicher Leistung, willensstarker Psyche und notwendigem organisatorischem Firlefanz. Diese Dinge verblassen jedoch! Nur durch die besonderen Momente, häufig nur Sekunden oder wenige Minuten, wird sich mir die Tour als Gesamterfahrung ins Gedächtnis brennen.

Ich erinnere mich da zum Beispiel an das radelnde niederländische Ehepaar in der fränkischen Schweiz, das sich staunend über meine Tour erkundigte oder die kräftigen Windböen in Forchheim, die mein Zelt stauchten, als wäre es nichts oder den einsamen Steg in der Talsperre Pöhl, auf dem ich nach einem kühlen Nass die Abendsonne genoss oder das Lenkerflattern meines Rades bei hohen Geschwindigkeiten aufgrund ungünstiger Lastverteilung in den Packtaschen oder, oder, oder…

Viele kleine Erlebnisse, die erst die Würze einer langen Fahrradtour ausmachen und neben anhaltender Freude auch zum Nachdenken anregen: Welche Ziele habe ich auf dieser Tour und darüber hinaus? Suche ich körperliche Anstrengung, seelische Zufriedenheit, soziale Kontakte, fahrradtechnische Perfektion, Abstand zum Gewohnten, Gewichtsverlust, persönliche Bestätigung, Beweis für CO²-armes Reisen, …? Auf jeden Fall nicht Stillstand, nicht Bequemlichkeit, nicht Isolation, nicht Egozentrismus, …! Ich frage mich, ob man seinem Ich auch so nahe kommt, wenn man die Strecke mit dem Auto „bewältigt“. Ich kann da nur mutmaßen.

Apropos fahrradtechnische Perfektion: Oh ja, es wurde versucht, aber auf der gesamten Tour hatte ich keinen einzigen Defekt zu beklagen! Ein wirklich schönes Meisterstück, dieses Fahrrad! Wobei ich ja schon Bedenken hatte; schließlich unterzog ich meinem Rad’l einen nicht unerheblichen Umbau, insbesondere aus ergonomischer Sicht: Vorbau, Lenker, Lenkergriffe und Lenkerhörner erneuerte ich sehr kurzfristig vor Tourbeginn. Ach ja, ich hatte auch neue Pedale und Klickschuhe mit an Board. Sich darauf einzustellen, quittierte mein Körper anfangs auch mit Schmerzen an den entsprechenden Stellen, was sich dann von Tag zu Tag besserte. Die Dinge, die sich nicht besserten, wie z.B. die Lenkergriffe, werde ich wieder zurück- oder umbauen.

Damit das Ganze hier auch endlich mal ein Ende nimmt, noch ein paar abschließende Sätze:

Unser kleines Luxusland Deutschland wird größer, wenn man ein langsames Reisemittel wie das Fahrrad wählt und der direkte Kontakt mit der Umwelt tut in jeder Hinsicht gut. Dem Ausgesetztsein von Temperatur, Höhenmetern und Distanz sowie eigenen physischen und psychischen Grenzen macht einen sehr schnell bodenständig und gibt einem das berechtigte Gefühl, klein und unbedeutend zu sein. Lange Rede, kurzer Sinn: …ist also jedem zu empfehlen! Ich selbst sehe mich bereits die nächste große Tour planen, …bis dahin:

Keep the pedals turnin‘!

Persönlich danken möchte ich den Menschen, die mich auf dieser Tour mit Schlafplatz und Essen versorgt haben!

KA nach KA Übersichtskarte

Die gesamte Strecke mit Übernachtungen in der Übersicht.

Für die Freunde von Zahlen, nachfolgend die Auswertung der Etappen. (Vergrößerung durch Überfahren des Mausszeigers und wählen des Zooms.)

Auswertungstabelle

 

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3 Kommentare

  1. Hallo Maik,
    willkommen in Bayern!!
    Heute habe ich endlich die Zeit gefunden, mal auf Deiner Homepage vorbeizuschauen, nachdem ich tagsüber auf der Arbeit immer reichlich an Dich denke…. Wie es Dir wohl bei diesen Temperaturen auf dem Rad geht?
    Aber wie ich lese, scheint das nur eine Frage der richtigen Geschwindigkeit zu sein, um sich durch genügend Fahrtwind etwas Frische zu verschaffen…., Ja Du bist schon erstaunlich weit gekommen….
    Ich wünsche Dir weiterhin viele tolle Eindrücke – ich werde Deine Tour weiter verfolgen….
    Falls es einen Spruch für Radler gibt, dann zählt dieser mal….. unbeholfen wünsche ich mal pannenfreies Radeln oder immer genug Luft im Reifen….
    bis denne
    vielleicht sieht man sich in KA :-))
    Ganz liebe Grüße
    Noreen

  2. Hallo Maik,

    nun sind es doch noch 2 x schlafen bis zum Ziel der Reise geworden.
    Hut ab, vor Deiner Leistung…..und das bei diesen Temperaturen.
    Danke auch fuer den unterhaltsamen Live Bericht, den ich immer aktuell verfolgt habe.
    Bin schon sehr gespannt auf die vielen Eindruecke und Erzaehlungen, von denen Du zwischen den Zeilen berichten kannst.
    Ich hoffe, dass meine kulinarischen Faehigkeiten ausreichen, um die Gaumenreise entsprechend abzurunden.
    Wenn nicht, dann muss die wohlverdiente Massage alles raus reissen.
    Freue mich auf Dein Ankommen.
    Bis dahin alles Liebe.
    Deine Mutti

  3. Katrin

    Hammer! Und sehr schön geschrieben.

    Liebe Grüße
    Katrin (Lipkowski)

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